Der Bad Boy und das graue Mäuschen: Schluss mit Klischees!

Worte haben Macht. Das birgt eine Verantwortung für uns Autoren – gerade im Bereich Jugendbuch/Young Adult. Wir verarschen (ja!) unsere jungen Leserinnen, wenn wir ihnen zum gefühlt hunderttausendsten Mal erzählen, dass alles gut wird, sobald uns durch glückselige Schicksalsfügungen und die Reise an einen besonders schönen Ort (vorzugsweise im Sommer, was die unendlichen Sommer-Buchtitel erklärt) ein entsetzlich attraktiver Bad Guy (alternativ Millionärssohn, Star, Musiker etc pp, aber auf jeden Fall ein bisschen bad) vor die Füße gespült wird, der sich zwar uns gegenüber reichlich kacke verhält, den wir aber binnen weniger Wochen umerziehen können, weil wir ihn ja dank seines Traumkörpers und seiner respektlosen Sprüche lieben (ach, wir können gar nicht anders, als ihn zu lieben, auch wenn wir keinen blassen Schimmer davon haben, was es eigentlich bedeutet, uns selbst zu lieben).

So läuft der Hase nicht. Und das wissen wir, denn wir haben Lebenserfahrung. Trotzdem überschwemmen nach wie vor Geschichten dieser Machart den Markt und ja, es ist richtig: Die Verlage wollen das so. Denn etwas anderes (wir kennen die Leier) „funktioniert nicht“. Die Leser würden ehrliche Liebesgeschichten nicht lesen wollen. Zudem gelten viele menschliche Eigenschaften als „unattraktiv“, eben nicht als romantauglich.

Ich glaube gerne, dass diese Geschichten sich besser verkaufen (früher nannte man sie Heftchenromane). Aber wir brauchen ein sichtbares Gegengewicht (das waren früher die „normalen“ Romane, heute als viel zu sperrige Problembücher verschrieen). Auch ich kenne den Druck, der diesbezüglich ausgeübt wird. Ich habe mich ihm immer zu verwehren versucht und seit Scherbenmond klargemacht, dass ich diese Art von Klischee-Romane nicht schreiben werde, auch wenn sie sich noch so gut verkaufen und das Schreiben von Büchern mein Broterwerb ist.  Jeden Tag gehen Massen von Produkten über die Ladentheke, die sich grandios verkaufen, uns aber nicht in unser Licht führen, sondern uns vielmehr daran hindern. Aber sie verkaufen sich wie blöd. Das ist für mich jedoch kein Argument, mich daran zu beteiligen.

Es liegt an uns und nur an uns Autoren, ob wir bei diesem unseligen Spiel mitmachen oder nicht, und inwieweit wir uns davon beeinflussen und unter Druck setzen lassen. Ich lebe vom Schreiben, es ist mein Broterwerb. Aber ich möchte gerne morgens in den Spiegel schauen können.

Ich weiß aus teilweise leidvoller Erfahrung: Das Leben ist Entwicklung, und in den seltensten Fällen finden wir in jungen Jahren den Mann unserer Träume, heilen durch ihn sämtlichen alten Mist, basteln ihn uns zurecht und werden zusammen in Friede, Freude und viel Eierkuchen alt. Das mag passieren, ist aber die absolute Ausnahme (und ja, für einen süffigen Schmöker zwischendurch ist das klasse, aber es muss Alternativen dazu geben!).

Liebe kann schmerzen. Sie kann uns auf den Kopf stellen und unser gesamtes Leben dazu. Sie fordert uns auf, uns mit uns selbst auseinander zu setzen, und niemals kann man andere Menschen umerziehen oder gar ändern. Erst recht nicht sollten wir sie in den Mittelpunkt unseres Daseins stellen. Liebe ist auch nichts, das sich festhalten und bis ans Ende aller Zeiten konservieren lässt. Sie fordert uns auf, loszulassen, immer und immer wieder, und manches Mal birgt das den gefühlten Fall ins Bodenlose. Sie kann verdammt unangenehm sein, uns mit unzähligen Widerständen konfrontieren, und sie nimmt oft Formen an, die uns maßlos zu überfordern scheinen. Aber immer können wir in ihr den Schlüssel zu unserem inneren geheimen Garten finden.

Darüber möchte ich Geschichten schreiben, Geschichten mit echten Menschen, nicht mit Kunstfiguren, und ich weiß, dass es unzählige Kolleginnen und Kollegen gibt, die das auch wollen und bereits tun. Wir dürfen uns nicht glattbügeln lassen, nur weil das angeblich „gut funktioniert“.

Denn wir tragen eine Verantwortung. Und wenn die Verlagswelt diese Verantwortung nicht sehen will – so what? Dann schauen wir ihr eben ins Auge.

Denn WIR erzählen die Geschichten.   (Foto: Fotolia)

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