Die Tyrannei des Meckerns in langen Beziehungen oder: Die Hose war’s!

Hand aufs Herz, Schwestern: Wir meckern zu viel. Nicht übers Wetter oder über den Job, sondern an unseren Männern herum, und je älter wir werden und je länger eine Beziehung andauert, desto intensiver (und trickreicher) scheint dieses Meckern zu werden.
Immer wieder beobachte ich Frauen, die mit harscher Feldherren-Gestik und verkniffener Miene ihre Männer durch den Supermarkt scheuchen und lautstark kommentieren, was sie dabei mal wieder alles verkehrt machen. „Doch nicht den Käse, den haben wir schon drei Mal gehabt!“ „Du stehst hier im Weg, merkst du das nicht?“ „Nein, nicht hier, da drüben!“ „Wo bist du denn schon wieder? Hallo!“ „Was machst du denn hier? Du solltest doch …“. Nachher wird sich dann mit der Kassiererin vermeintlich humorvoll darüber ausgetauscht und dabei von „er“ und „ihm“ geredet, obwohl der Gemeinte direkt nebendran steht, es aber längst aufgegeben hat, sich ungefragt zu Wort zu melden oder gar zu verteidigen, denn das gibt erfahrungsgemäß Ärger. Stattdessen zwingt er sich zu einem bemüht selbstironischen Grinsen, zuckt mit den Schultern und räumt brav die Waren vom Band. Das erotische Knistern zwischen den beiden ist längst verpufft, Begehren ein Fremdwort, stattdessen schwelt und brodelt es ungesund, man kann den schwefligen Gestank der Frustration fast riechen.

Diese Szene ist austauschbar. Sie kann überall stattfinden – der Mann von seiner eigenen Frau bloßgestellt als unfähiges, trotteliges Wesen, und sie spricht mit und von ihm, als wäre er ein unartiges Kind.

Mit den Jahren entwickeln sich immer ausgefeiltere Strategien; Meckern zwischen den Zeilen, doch der Ton kommt an und ist eine tückische Waffe, denn Mann kann sich nicht gegen das Attentat wehren. „Möchtest du nicht lieber die lange Hose anziehen? Es sind bestimmt viele Stechmücken unterwegs heute Abend.“ Klingt nett, heißt aber eigentlich (und der Stimmklang  transportiert das auch): „Echt jetzt, schon wieder die ewige ausgeleierte Shorts, wo wir doch zum Essen eingeladen sind? Muss das sein?“ Manche Männer fügen sich und ziehen sich brav um, Widerstand ist sowieso zwecklos, andere bleiben stur, doch die Stimmung ist in beiden Varianten längst dahin.

Bei Mädelsabenden wird sich dann ordentlich Luft gemacht; jetzt kann man ja offen sprechen und schreckt dabei auch vor dem Blick ins Schlafzimmer nicht zurück (weshalb ich seit Jahren nicht mehr an Mädelsabenden teilnehme. Denn ich will auch nicht, dass die Männer auf diese Weise über uns reden, wenn sie zusammen sitzen). Manchmal wird es regelrecht bösartig und die Wortwahl herb bis derb – und das Lachen genau in diesen Momenten besonders laut und schrill.

Was zum Henker tun wir da eigentlich – und vor allem: Warum tun wir es? Ich schreibe bewusst „wir“, denn auch ich habe mich in der Vergangenheit beim Meckern (subtil oder direkt) ertappt, jeglichem besseren Wissen zum Trotz. Genau deshalb habe ich viel über dieses Thema nachgedacht.

Ich glaube, wir meckern aus Wut. Nicht aus Wut unserem Partner gegenüber, sondern uns selbst gegenüber – weil wir immer noch in unserer uralten Bedürftigkeit feststecken. Weil wir stumm Dinge hingenommen haben, obwohl wir sie nie gut fanden (wie zum Beispiel die labberige Shorts) (selbst im anfänglichen Hormonrausch mochten wir sie nicht!, sie war nur leichter zu verzeihen), aber unsere Klappe hielten, weil wir den anderen doch so sehr liebten und  insbesondere selbst geliebt werden wollten.

Interessant dabei: Das Meckern ist weder befreiend noch klärend. Es fühlt sich auch nicht gut an. Nein, es ist begleitet von einem elenden Enge-Gefühl im Brustkorb, das sich in den ganzen Körper ausbreiten kann, und je schärfer unser Ton wird, desto belasteter und gereizter fühlen wir uns. Auch dann, wenn der Mann stumm folgt und jeder Konfrontation aus dem Weg geht. Eigentlich müssten wir jetzt zufrieden sein – sind es aber nicht. Und Lust haben wir erst recht nicht auf ihn. Die flüchtet, sobald das Meckern losgeht. Meistens umso entschiedener, je weniger er sich wehrt.

Was also tun? Wir erfinden ja nicht, was uns stört. Es stört uns wirklich, könnte uns sogar ab und zu aus der Haut fahren lassen, es fühlt sich absolut persönlich an! Dieses harmlose Stück Stoff, das um seine Beine schlabbert, scheint das Potenzial zu haben, eine zwanzig Jahre andauernde Beziehung zu zerstören – und umso idiotischer und kaltherziger kommen wir uns dabei vor, denn wir haben ja gelernt, dass diese Äußerlichkeiten nicht zählen, sondern es um das Innen geht.

Ja, genau, es geht dabei um das Innen. Es wird nur im Außen symbolisiert, und unser Mann als unser Erfüllungsgehilfe wird so lang diese verdammten Shorts tragen, bei jedem passenden und unpassenden Anlass, bis wir endlich verstehen, was in Wirklichkeit in uns abgeht. In uns selbst und mit uns selbst.

Wir haben uns mit Dingen, Situationen, Verhaltensweisen abgefunden, mit denen wir von unserem Wesen her nicht in Harmonie sind, die nicht zu uns passen. Des lieben Friedens und der Liebe willens haben wir in unserem Leben viele kleine und große Kompromisse geschlossen und nun  rächen sie sich – sie schlagen zurück, indem wir meckern und uns dabei eigentlich permanent selbst anschreien.

Denn es ist schwierig, nach langen Jahren der Beziehung (alternativ: Beruf, Familie …) plötzlich zu sagen, was man zuvor immer heruntergeschluckt hat. Zum Beispiel, dass man sich in Wahrheit einen Mann an seiner Seite wünscht, der mit dem Begriff „kriegerische Würde“ etwas anfangen kann. Der zu sich selbst steht und dennoch friedvoll ist. Dem wir vertrauen können, ohne dass wir ihn vorher zu unserer neuen besten Freundin umerzogen haben (und uns dann wundern, wieso unsere Libido ihm gegenüber flöten gegangen ist). Der nicht jeden Abend schlaff auf der Couch hängt und einschläft, sobald der Fernseher läuft, sondern die männliche Feuer-Energie in sich kultiviert und aktiv lebt. Ich könnte diese Reihe noch weiter fortführen und ja, liebe Herren der Schöpfung, es wird Zeit, dass sich die Männer wieder stärker ihrer Yang-Qualitäten bewusst werden und sich trauen, sie auszudrücken (die zunehmende Impotenz junger Männer spricht Bände!), so wie wir Frauen endlich unser post-emanzipatorisches Feldwebel-Gebaren fallen lassen können, wenn wir die Kraft des Yin anerkennen und ein für alle Mal kapieren, dass das nicht bedeutet, sich unterzuordnen, sondern sich zu ergänzen.

Da ist noch viel zu tun, viel zu experimentieren, nur eines ist klar: Meckern und verdorrte Kompromiss-Beziehungen sind nicht zielführend – und manchmal ist Trennung der einzige Weg aus diesem Dilemma, damit noch der letzte, heile Rest ehrlicher Zweisamkeit und gegenseitiger Wertschätzung bewahrt werden kann.

Ich glaube, es wird Zeit, dass wir früher darauf lauschen, was wir uns in einer Beziehung wünschen, von uns selbst und von unserem Gegenüber, und uns in diesen Bedürfnissen  treu bleiben – und wenn das bedeutet, erst einmal alleine zu sein. Denn das Meckern kostet Kraft. Es laugt uns aus. Und: Es degradiert unsere Männer zu Marionetten, erstickt ihr Feuer und raubt ihnen ihren natürlichen Stolz – genau das, was uns einst so an ihnen angezogen und fasziniert hat.

Wenn wir merken, dass dieses Mecker-Gefühl in uns aufkommt, könnten wir uns also fragen: Wen genau meine ich damit eigentlich? Ihn – oder in Wahrheit mich? Weil ich nicht wage, mich zu leben und auszudrücken, nicht zu meinen ureigenen Wünschen stehe? Und falls ja – in welchem Bereich des Lebens beschneide ich mich? Geht es wirklich um das, was ich kritisiere, oder eigentlich um etwas ganz anderes?

Hey, und wenn es am Ende wirklich um die Hose (stellvertretend für andere Äußerlichkeiten) geht – ich finde, das ist in Ordnung. Ja, stimmt, innere Werte sind wichtig und alles Materielle müssen wir sowieso irgendwann loslassen. Der  Wert eines Menschen hängt auch nicht von seinem modischen Feingefühl ab. Das spielt dabei gar keine Rolle. Aber wenn wir den Mann unseres Herzens lieber in langen Beinkleidern sehen, dann können wir ihm das doch einfach sagen, respektvoll und aus dem Herzen heraus. Und vor allem: ohne ein Aber und früh genug.

Nicht mit „Ich liebe dich, aber …“, sondern:

„Ich liebe dich und würde mich freuen, wenn du heute Abend eine von deinen schönen langen Hosen anziehst. Ich genieße es, einen schicken Mann an meiner Seite zu haben – und die stehen dir außerdem echt gut.“

Ich bin gespannt auf eure Kommentare und Erfahrungen! 🙂 (Foto: Pixabay)

2 Gedanken zu “Die Tyrannei des Meckerns in langen Beziehungen oder: Die Hose war’s!”

  1. Hallo Bettina,

    erstmal muss ich sagen, dass ich geschockt bin! Nicht wegen deiner so wahren Worte, sondern weil mich genau dieses Thema nun seit mehreren Wochen begleitet. Und man mag es Schicksal nennen oder welche Kraft auch immer hier am Werk ist, denn heute Nacht (ich konnte nach dem Stillen nicht mehr einschlafen) habe ich mich gefragt, warum ich immer über meinen Lebensgefährte meckere. Und wie du es so schön bei den Haaren gepackt hast, gehe ich dabei wirklich nicht zimperlich vor. Manchmal ist es sogar echt furchtbar verletzend. Und die Erkenntnis das der mal so „männliche“ Mann zum Männchen geworden ist, vielleicht auch wegen mir, macht diese ganze Geschichte nicht erträglicher.
    Ich kam aber auch zu der Erkenntnis, dass sich mein Verhalten wirklich ändern muss, denn ich will nicht, dass er so mit mir redet. Ein gleich auch gleich. Ebenbürtig und als Partner, keine Unterordnung. Das kann ja nur geschehen, wenn man sich auch so verhält. In den Spiegel zu schauen, um dann festzustellen, dass die eigenen Worte wohl der Auslöser „allen Übels“ waren. Das tut schon irgendwie weh, ist aber auf der anderen Seite sehr befreiend, denn damit kann ich arbeiten.

    Ich will mich an dieser Stelle bei dir bedanken, dass du mein Innerstes mal wieder ( 😉 ) so wunderbar in Worte gefasst hast. Du bist ein wundervoller Mensch und ich bin dankbar, dass es dich gibt! Das klingt jetzt irgendwie so, als wären wir Freunde… Aber es war damals Zufall, dass ich durch eines deiner Bücher (Splitterherz) auf dich aufmerksam geworden bin. Zumal ich dieses Buch in einer riesigen Berliner Buchhandlung und nicht in einer bei mir zu Hause, entdeckt habe. Seit dem begleitest du mich indirekt auf meinen Pfaden und das finde ich toll. Deine Bücher sind meist genau das, was ich brauche.

    Herzliche Grüße und vielleicht magst du ja mal zu einer Lesung nach Rostock kommen. Falls deine Verlag (oder du) sowas überhaupt vorsieht.

    Kirsten

    • Liebe Kirsten, vielen lieben Dank für deine berührenden Zeilen – wie ich im Text geschrieben habe, hab ich mich ja auch dabei ertappt und gleichzeitig sehr darunter gelitten. Und wie Du habe ich (vor allem nachts 😉 ) viel darüber nachgedacht. Wirklich erhellend war in dieser Phase ein Buch, das mir quasi in die Hände gefallen ist: „Königin und Samurai“ von Veith und Andrea Lindau. Ich kann es nur empfehlen, weil es überhaupt nicht von oben herab geschrieben ist und vor allem nichts und niemanden verurteilt. Das erleichtert einem die Innenschau ungemein. Ich glaube ja, dass dieses „Meckern“ ein ganz wichtiger Prozess ist, der uns dabei helfen kann, uns selbst näher zu kommen, denn der Klang dieses Nörgelns entsteht ja zunächst in uns und strömt auch durch uns hindurch, viel direkter als durch den Gegenüber. Der kann weglaufen oder sich taub stellen; wir selbst nicht. Es kann so viel Gutes daraus wachsen, wenn man es konstruktiv anpackt und dabei liebevoll mit sich selbst umgeht. Ich wünsche Dir alles Liebe auf diesem Weg – und meine treuen Leser (dazu gehörst Du für mich) sind für mich wirklich wie Freunde, wenn auch auf einer anderen Ebene als meine Freunde im „real life“, doch deshalb nicht weniger wertvoll. Ich fühle mich mit euch sehr verbunden und genieße den Austausch mit Menschen wie Dir! Bettina 🙂

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