„Und“ statt „Ja, aber“ – warum dieser Unterschied ganze Welten bewegen kann

Wenn ich meinen Mitmenschen zuhöre, scheint „Ja, aber“ eine der populärsten Wortkombinationen der Gegenwart zu sein. Vor allem in meiner Klangarbeit mit Pferd und Mensch schallen mir (manchmal sogar nach jedem Impuls, den ich zu vermitteln versuche) etliche „Ja, abers“ entgegen, und oft kommen im weiteren Satzverlauf „die anderen“ vor.

„Ja, aber“ und „die anderen“ sind quasi eng befreundete Erfüllungsgehilfen der gelebten Widerstände, gerne auch in der Formulierung „Ich würde ja, aber die anderen …“. Innerlich muss ich jedes Mal lächeln, wenn ich das höre, denn ich weiß so gut, wie es sich anfühlt, das zu sagen. Ich war früher selbst ein großer „Ja, aber“-Fan – und das nicht nur unbewusst. Hätte ich ein T-shirt mit der fetten Aufschrift „Ja, aber“ besessen, hätte es im Kleiderschrank direkt neben meinen beiden anderen Lieblingsshirts mit den Aufdrucken „Nein!“ und „Trotzdem.“ gehangen. Egal, welches ich gewählt hätte – es hätte an den meisten Tagen perfekt zu meiner inneren Haltung gepasst.

Leben in der Dualität ist ohne „aber“ nicht möglich – die Menge macht’s

„Und Trotz, Widerspruch ist meins!“, zitierte ich gerne Kleists Amazonen-Heldin Penthesilea, wenn ich meinen Charakter zu verschreiben versuchte – bis ich merkte, dass ich mir mit dieser Haltung permanent selbst im Weg stand und sie unglaublich viel Energie verbrannte, die ich zum Leben dringend brauchte (Penthesilea hat sie bekanntlich auch nicht ins Glück geführt – und sie hat zuvor noch im Kampfesrausch versehentlich ihren Liebhaber verspeist).   Vollkommen geheilt bin ich von der „Ja, aber“-Krankheit nicht – und ich glaube, das geht auch nicht, solange ich mich in der Dualität bewege, und das tun wir Menschen auf der Erde nun mal. In der Dualität ist „aber“ eine Orientierung (und übrigens: ein Roman ohne Abers wäre todlangweilig).

Dennoch höre ich mir selbst wesentlich aufmerksamer zu als früher – und wenn mir doch mal wieder ein überzeugtes „Ja, aber“ herausrutscht, nachdem mir jemand eine Empfehlung ausgesprochen hat, geschieht das vornehmlich, wenn ich mich in einem Seminar befinde (mit energetisch gewichtigem Coach) oder aber im Austausch mit Freunden, die mehr sehen als andere (Freunde, die man manchmal gelinde gesagt an die Wand klatschen könnte, weil man ihnen so gar nichts mehr vormachen kann – und die genau deshalb ungeheuer wertvoll sind).

„Ja, aber“ ist Blockade und Energiefresser zugleich

„‘Ja, aber‘ bedeutet ‚nein‘“, brachte es meine spirituelle Lehrerin einst klar auf den Punkt. Und dieses Nein sagen wir in Wahrheit nicht zum anderen, sondern zu uns selbst. Der Gegenüber macht es nur hörbar. Eigentlich sind wir unglücklich mit einer bestimmten Situation. Wir wollen da raus, denn sie zwickt und zwackt und bremst uns aus. Tief im Bauch wissen wir, dass wir so nicht weitermachen können. Wir fragen jemanden um Rat oder heulen uns bei ihm aus, er gibt uns einen Impuls, wie wir aus diesem Emotions-Labyrinth entkommen könnten, und prompt ist es da: Dieses lästige, klebrige „Ja, aber“, mit dem wir sämtliche wertvollen Inspirationen in den Wind schießen. Wir würden ja gerne etwas ändern, aber … und sowieso, die anderen. Bedeutet übersetzt: Nein, ich will (noch) nichts ändern (zum Thema „ich kann nicht = ich will nicht“ schreibe ich demnächst noch einen eigenen Beitrag).

„Ja, aber“ ist eine Energie, die sich gegen uns selbst richtet. Das Tolle daran: „aber“ könnte in den meisten Fällen problemlos durch ein „und“ ersetzt werden – und schon wird aus dem Stocken ein Fließen. Zum Beispiel: „Ich würde ja gerne in die USA reisen, aber ich habe solche Angst vorm Fliegen“ können wir ersetzen durch „Ich würde gerne in die USA reisen und ich habe solche Angst vorm Fliegen“ – schon ist es kein Widerspruch mehr, sondern steht einigermaßen friedlich nebeneinander. Das Gefühl dabei ist ein vollkommen anderes, die beiden Inhalte schließen einander nicht mehr aus, sie könnten kombinierbar sein, denn hinter dem „und“ lauert bereits eine Lösung („Also setze ich mich bis zu meiner Traumreise mit der Phobie auseinander und buche ein Anti-Flugangst-Training“).

Anderes Beispiel: „Ich würde mein Pferd ja gerne nur noch vom Boden aus bewegen, aber die anderen im Stall gucken mich dann bestimmt blöd an.“ Warum aber? „Ich würde mein Pferd gerne nur noch vom Boden aus bewegen und die anderen gucken mich dann bestimmt blöd an.“ Schon darf das Pferd von der Reiterlast befreit werden und man kann sich überlegen, wie man mit den „blöden“ (sind sie das denn wirklich oder findet das nicht vielmehr in uns selbst statt?) Blicken der anderen umgeht. Falls sie überhaupt kommen. Denn das „und“ statt dem „ja, aber“ führt uns in eine völlig andere Energie – eine leichtere, selbstbewusstere, zentriertere. Wir sind bei uns selbst, nicht bei dem außenbestimmten Aber. Dieses kleine, schlichte „und“ kann wahre Wunder wirken!

Wir kreieren mit unseren Formulierungen unsere Emotionen

Wir denken in Sprache, und jeder Gedanke zieht konkrete Emotionen nach sich, die wir im ganzen Körper spüren. Im „Ja, aber“ verharren wir, erstarren regelrecht, in uns wird es eng und dunkel und begrenzt. Das „und“ jedoch schafft Weite, kreiert Raum für Möglichkeiten – und für Veränderungen. Letzteres ist sicherlich der Hauptgrund, weshalb viele Menschen noch beim „Ja, aber“ bleiben. Denn Veränderung kann schmerzhaft sein und das gesamte Leben durcheinander werfen. Auch wenn wir sie uns eigentlich herbeisehnen, weil wir uns im Jetzt nicht wohl fühlen. Aber sie ist nun mal unkontrollierbar. Deshalb bauen wir eine Hürde zwischen uns und unseren Wünschen, beschriftet in grellrot mit „Ja, aber“.

Ich finde, das gilt es liebevoll zu achten. Dann ist es eben noch da – dieses „Ja, aber“. Ich habe durch meine frühere Widerständigkeit viel gelernt und zahlreiche intensive Erfahrungen gemacht. Umso besser kann ich heute Menschen verstehen, die noch in ihrem „Ja, aber“-Gefängnis festsitzen und sich dort sicherer fühlen als in der Freiheit. Und wie gesagt – auch in mir lauert es noch und springt bei der nächsten passenden Gelegenheit hervor wie der Clown aus der Kiste. Inzwischen nehme ich das mit Humor – „ach, Hallo, da bist du ja noch“ – wundere mich ein bisschen, fühle mich sehr lebendig, hole Luft und gehe weiter.

Ohne Wenn und Aber.                                                                (Foto: Pixabay)

 

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