Buch-Engel für „Gelebte Zeit“ gesucht!

Möchtest du dabei helfen, meinem Liebesroman „Gelebte Zeit“ Flügel zu verleihen, und ihn dafür schon vor dem Erscheinungstermin lesen?

Damit ein Buchküken flügge werden kann, braucht es vor allem Liebe, Fürsorge und Herzenswärme – genau jene Qualitäten, die in der allgemeinen Branchenkrise seit Jahren zu kurz kommen.

Auch deshalb habe ich mich dazu entschieden, „Gelebte Zeit“ in Eigenregie herauszugeben – nach zehn Jahren als Verlagsautorin ein ganz neuer, aufregender Weg, der mir große Freude bereitet. Doch nur gemeinsam können wir Welten bewegen und das Unmögliche schaffen. 🙂 Bist du dabei?

Um ein Buch-Engel für diesen ungewöhnlichen Roman für junge Erwachsene und Erwachsene zu werden, musst du weder einen Blog betreiben noch etwas Besonderes können. Entscheidend ist deine aufrichtige Liebe zu Büchern und deine Bereitschaft, „Gelebte Zeit“ auf deine ganz eigene, individuelle Weise zu einem gelungenen Start zu verhelfen.

Die einzige Voraussetzung dafür ist also, dass du diesen Roman magst und/oder er dich im Innersten berührt. Denn nur dann wird dir deine Tätigkeit als Buch-Engel leicht fallen.
Um ein Gefühl für diese „Wuchtbrumme“ zu bekommen, kannst du jetzt (ja, jetzt sofort!) den Prolog und die ersten beiden Kapitel samt Inhaltsbeschreibung lesen (Achtung, sie sind noch nicht final überarbeitet). Du findest sie am Ende dieses Beitrags. (Bitte lies ihn trotzdem erst weiter … 😉 )

Wenn du anschließend überzeugt bist, mehr lesen zu wollen, schildere mir deine Beweggründe bitte in einer Email mit dem Betreff „Buch-Engel“ an info@bettinabelitz.de .
Sobald ich meine Buch-Engel ausgewählt habe, schicke ich ihnen das Manuskript zu.

Hier sind einige Beispiele, wie du Gelebte Zeit Flügel verleihen kannst:

– Sprich mit deinen Freundinnen über das Buch und schildere ihnen, warum es dir gefallen hat.
– Verfasse eine Rezension auf Amazon und/oder Lovelybooks
– Teile deine Lieblingszitate mit Verweis auf das Buch auf FB und Instagram (ich erlaube das hiermit ausdrücklich! 🙂 )
– Wenn du einen Buchblog hast, kannst du dort eine Vorab-Rezension verfassen
– Sobald es erschienen ist, berichte deinem Buchhändler des Vertrauens von dem Buch; vielleicht kauft er es ein
– Teile, like und kommentiere meine Gelebte-Zeit-Beiträge auf Facebook
– Poste über Gelebte Zeit auf Instagram
– Erzähle deiner Familie von dem Buch
– Berichte in einem YouTube-Video über Gelebte Zeit
Eigene, kreative Ideen sind natürlich herzlich willkommen!
Bitte scheue dich nicht, individuelle Vorschläge zu machen, wie du „Gelebte Zeit“ unterstützen möchtest.

Was bekommst du für deinen Einsatz als Buch-Engel? 🙂

– Du darfst vor allen anderen das komplette Manuskript lesen (allerdings als PDF und noch etwas roh 😉 )
– Ich schicke dir einen von mir signierten, farbigen DinA4-Ausdruck des Covers zu (es ist soooo hübsch!)
– Dein Name wird in der Danksagung des Buches genannt, auf Wunsch auch dein Blog/deine Website (bitte sag Bescheid, wenn du nicht namentlich genannt werden möchtest!)
– Du bekommst von mir Links zu exklusiven, nicht-öffentlichen Trailern und Videos, die ich zu „Gelebte Zeit“ gebastelt habe (Achtung: Anschauen ist kein Muss, wenn du dir deine eigenen Bilder bewahren möchtest!)

Ich freue mich auf Kommentare und Emails! Zum Schluss möchte ich mich bei den bereits aktiven Buch-Engeln bedanken: Meiner Test- und Begleitleser-Schar aus dem vergangenen Jahr (ich werde diese Zeit niemals vergessen!), Sabrina Milazzo für das wunderschöne Cover und Stefanie Scheurich, die eine Möglichkeit gefunden hat, das Manuskript so zu setzen, dass ich es auch in der Print-Variante herausgeben kann.

Danke, ihr seid großartig! <3

Ausführlicher Klappentext „Gelebte Zeit“:

Bevor der achtzehnjährige Womanizer Elijah Rosenstein Katinka begegnet, ist sein Dasein geprägt von oberflächlichen Vergnügungen und One-Night-Stands. Alleine seine innige, aufrichtige Liebe zu seinem fünf Jahre jüngeren Bruder Levy spielt sich auf einer anderen, beinahe magischen Ebene ab – und Levy ist es auch, der Elijah darum bittet, mit der rebellischen Mittelstufenschülerin Katinka Aslan zu sprechen, da diese sich urplötzlich von ihm abgewendet hat.
Wider Erwarten ist Elijah sofort fasziniert von der eigentümlichen Tiefe Katinkas und verspürt bald den Wunsch, sie zu beschützen, obwohl er sich nicht erklären kann, warum und wovor. Als er eines Tages das dunkle Geheimnis hinter ihrem abweisenden Verhalten erfährt, ist er bereit, alles zu tun, um sie aus ihrer Hölle zu befreien.
Doch seine Gefühle für Katinka sind längst nicht mehr rein freundschaftlicher Natur – und das bleibt auch den Blicken ihres übermächtigen Vaters nicht verborgen. Aslan lässt nichts unversucht, um Elijahs Leben zu zerstören und seine Tochter einzuschüchtern.
Hat Elijahs Liebe eine Chance oder sind Katinkas Wunden viel zu tief, um sie Vertrauen zu einem erwachsenen Mann fassen zu lassen – und welche Rolle spielt Levy in dem unzertrennlichen Kleeblatt der drei?
In „Gelebte Zeit“ begleiten die Leserinnen Elijah, Katinka und Levy über vier intensive Jahre, in denen die drei sich zu jungen Erwachsenen entwickeln und durch den Kontakt zueinander den Weg in ihre eigene Seele finden – eine Geschichte, die unter die Haut geht und zeigt, dass alles, was wir erleben, seinen tieferen Sinn hat und keine Begegnung rein zufällig ist. 

… du bist immer noch dabei? Ich freu mich. 🙂 Dann los in den Prolog und die ersten beiden Kapitel:

Gelebte Zeit
(alle Rechte bei Bettina Belitz)

 

Wer in Liebe aufwächst, wird die Liebe wählen.

Wer in Dunkelheit aufwächst, wird die Dunkelheit suchen.

Wenn Liebe und Dunkelheit sich begegnen,

kann Heilung entstehen.

 

Prolog

„Und, was machst du so?“

Sie schauen mich an wie früher; bereit, vor Begeisterung zu strahlen – als könne jemand wie ich nur Großartiges erlebt haben seit unserem gemeinsamen Schulabschluss; fünf glanzvolle Jahre, von denen andere nur träumen können, und in denen ich wie nebenbei eine steile Karriereleiter erklommen und eine wunderschöne Frau gefunden habe. Oder – noch besser – viele wunderschöne Frauen; um dem alten Klischee zu entsprechen. Doch keine von ihnen ist mir deshalb böse, denn sie alle sind dankbar, ein bisschen Zeit mit mir verbracht zu haben. 

In Wahrheit gab es immer nur eine einzige. In mein Bett hatten sich andere verirrt, das ja, doch in meinem  Herzen – gab es immer nur sie. 

„Na, sag schon, Liah!“

Wie im Reflex hebe ich meinen Kopf und suche ein letztes Mal den Raum ab, aber Moritz ist nicht hier. Er hat es ernst gemeint, als er sagte, er würde nur unter Androhung von Gewalt auf unser Klassentreffen kommen – nach allem, was damals geschehen ist. Ich verstehe ihn besser denn je. 

„Ich schreibe gerade meine Diplomarbeit.“

„Diplomarbeit?“ Das Lächeln der anderen wird blasser, während ihre Augen sich ungläubig weiten „In BWL? Ich dachte, da …“

„Nein. Psychologie.“

„Psychologie …“ Das vielfache Echo hört sich verwundert an, beinahe zweifelnd. Ja, damit hatte selbst ich nicht im Traum gerechnet. 

„Und sonst, wo lebst du denn?“, hakt Peter vorsichtig nach. „In der Schweiz, oder?“

Stimmt, das hatte ich immer vorgehabt – samt schickem Chalet in den Bergen. Ist nie was draus geworden. 

„Bei meinen Eltern.“

Jetzt lächelt niemand mehr. Sie starren mich an, als würden sie darauf warten, dass lache und zugebe, sie veralbert zu haben. Selbst Ellen kann ihre Enttäuschung nicht verbergen. 

„Warum?“ fragt sie schließlich leise, nachdem niemand mehr etwas zu sagen wagt. 

„Das kann ich nicht in ein, zwei Sätzen erklären“, erwidere ich ruhig. „Es gibt gute Gründe dafür.“ Es gab sie jedenfalls. 

„Bist du verheiratet?“

„Nein.“

„Also auch keine Kinder …? Keine Familie?“

Ich schüttele nur den Kopf. Dafür ist es immer noch zu früh. Vielleicht wird es auch niemals geschehen, ich weiß es nicht. 

„Aber was hast du denn dann die ganze Zeit gemacht?“

Ein paar Sekunden lang erwidere ich die Blicke meiner einstigen Klassenkameraden und spüre, wie sich ihre Illusionen über mich endgültig auflösen. Ja, ihr fühlt richtig. Ich bin nicht mehr der oberflächliche, erfolgsverwöhnte Casanova von früher, dem alles leicht von der Hand ging und der sich niemals um etwas oder gar sich selbst Sorgen gemacht hat. Vielleicht sehe ich noch so aus, aber ich bin es nicht mehr. 

Sie hat mich verändert.

Ihr Name genügt, und mein Kopf ist voll von Bildern, goldenen Momenten, von Musik, geknüpft an Erlebnisse, deren Intensität ich manchmal kaum verkraftet habe. Mir wurde nie langweilig in dieser Zeit – und seitdem Katinka gegangen ist, suche ich nach mir selbst wie nach einer Nadel in einem Heuhaufen. 

Irgendetwas war da noch, bei unserer letzten Begegnung, das mit dieser Suche zu tun hat. Wann immer ich mich daran zu erinnern versuche, spüre ich ein feines, warmes Kribbeln zwischen meinen Schulterblättern, gefolgt von dem Impuls, hinter mich zu fassen, obwohl ich genau weiß, dass da nichts ist. Auch jetzt kann ich mich nicht an diesen Moment entsinnen, er driftet weg wie ein ferner Traum, der nie seinen Weg in mein Bewusstsein gefunden hat. 

Trotzdem weiß ich, dass alles seinen Sinn hatte. 

Jede verdammte einzelne Sekunde, die Katinka und ich miteinander verbracht haben, hatte ihren Sinn. 

„Sag schon, Elijah!“ Ellens Stimme bebt und das Drängen darin reißt mich aus meiner gedankenversunkenen Stille. „Was hast du gemacht?“

„Ich habe gelebt“, entgegne ich leise, wende mich ab und gehe langsam nach draußen in die kalte Nachtluft, wo ich mich an mein Auto lehne und tief einatme. 

Noch immer tut es weh, noch immer fehlt sie mir, noch immer frage ich mich, ob ich es hätte besser machen und sie bei mir halten können. 

Doch eines weiß ich sicher und das kann mir niemand nehmen: 

Ich habe gelebt. 

 

I. THE MAIDEN

 

Wicked Game

„Bist du etwa in sie verknallt?“ Erstaunt blickte ich auf und wie immer machte mein Herz einen Freudensprung, sobald meine dunklen Augen sich in die strahlend hellen meines Bruders versenkten. Doch zum ersten Mal spürte ich dabei eine schwelende Unruhe in meinem Bauch. War nicht längst klar gewesen, dass das irgendwann hatte passieren müssen? Levy war dreizehn. Ich hatte in seinem Alter längst Mädchen geküsst und nur zwei Jahre später meine ersten sexuellen Erfahrungen gemacht. Außerdem sah er aus, als wäre er vom Himmel gefallen mit seiner zarten Haut, seinem Engelsgesicht und diesem unfassbar türkisen Glitzern in seiner Iris. Das konnte auch seinen Klassenkameradinnen nicht entgehen. 

„Nein, Elijah.“ Entschieden schüttelte er den Kopf, wobei seine blonden Haare sich sacht hin und her bewegten. „Nein, das bin ich nicht.“

„Aber wieso …“ Bevor ich weitersprach, atmete ich leise aus und strich zärtlich mit dem Handrücken über seine Wange. Trotz des Leuchtens in seinen Augen wirkte Levy so bedrückt, dass ich mir ernsthaft Sorgen um ihn zu machen begann.
Es lag noch nicht lange zurück, dass unsere Eltern sich beinahe getrennt hätten, und ich hatte nie begriffen, wieso Levy ihre handfeste Ehekrise und die angespannte Stimmung im Haus nicht aus dem Gleichgewicht gerissen hatte – oder hatte ich es gar nicht mitbekommen, weil ich nicht mehr zu Hause wohnte und nur noch ein, zwei Nachmittage in der Woche bei ihm verbrachte?
Ich liebte meine kleine, schicke Wohnung in der Stadt, die kurzen Wege zur Schule und meine Freiheit, doch Levy vermisste ich, als habe man mir ein Organ aus dem Körper gerissen, das mich nicht nur am Leben hielt, sondern zudem für mein persönliches Glück verantwortlich war. „Wo liegt denn dann das Problem?“

„Naja, ich …“ Mit einem seltsam brennenden Ausdruck in den Augen sah Levy mich an. „Ich mag sie eben. Sie ist ….“ Verlegen zuckte er mit den Schultern, wich meinem Blick aber nicht aus. „ … wichtig.“ 

„Wie meinst du das, sie ist wichtig?“, hakte ich nach und kam mir plötzlich ein wenig überfordert vor. Levy belastete diese Sache, das war offensichtlich, und ich hatte mir immer geschworen, ihm beizustehen, was auch kommen möge. Aber ich kapierte beim besten Willen nicht, worauf er hinauswollte. Bislang hatte ich nur verstanden, dass es da ein Mädchen gab, das er mochte und ihm neuerdings stur aus dem Weg ging – etwas, was ich überhaupt nicht nachvollziehen konnte – , und ihm das zu schaffen machte. Doch wieso war sie wichtig für ihn, wenn er doch nichts von ihr wollte? 

Erneut zuckte er mit den Schultern. „Kann es nicht erklären“, murmelte er und errötete leicht. „Sie ist es eben. – Kannst du für mich mit ihr sprechen? Und sie fragen, was los ist und warum sie mich ignoriert? Ich komm ja nicht mehr an sie heran.“

„Für dich mit ihr sprechen?“ Oh nein, keine gute Idee. Gar keine gute Idee. „Aber ich bin … Levy, ich bin achtzehn.“

„Ja, genau!“ Trotzig schob er die Unterlippe vor; ein Ausdruck, den ich nur selten bei ihm erlebte. Die meiste Zeit lächelte er. „Deshalb ja!“

Seufzend lehnte ich mich zurück und schloss meine Augen. Ich war noch müde von der Party gestern Abend und musste ständig an Ellen denken und manchmal auch an das Mädchen, das heute Nacht bei mir geblieben war, in meinem Bett. Die Schule war stressig gewesen und ich konnte kaum einen klaren Gedanken fassen. Aber es war Levy, der da neben mir saß und Hilfe brauchte, und ich brachte es nicht über mich, ihn auflaufen zu lassen. Wie so oft – ganz egal, was sonst in meinem geschah; Levy stand an erster Stelle. 

„Wer ist dieses Mädchen überhaupt?“, fragte ich nach einer kurzen Pause. Ich hatte keinen Überblick über die Mittelstufe und war nur mit Levys besten Kumpels vertraut – und ich konnte mir wahrlich Besseres vorstellen, als mit einer pubertären Dreizehnjährigen ein Beziehungsgespräch zu führen. Womöglich spielte sie nur mit Levy und zeigte ihm die kalte Schulter, um sich interessanter zu machen. Alleine dieser Gedanke ließ meinen Beschützerinstinkt zur Hochform auflaufen. Levy zuckte erneut mit den Schultern, antwortete aber nicht. 

„Wie heißt sie denn?“, bohrte ich weiter.

„Katinka.“

„Katinka …?“ Mir schwante Böses. Eine Katinka aus der Mittelstufe kannte ich sehr wohl – und hoffte inständig, dass wir nicht dieselbe meinten. Sie ging nicht in Levys Klasse, sondern besuchte bereits die achte.

„Ja, Katinka“, erwiderte Levy mit niedergeschlagenen Wimpern und wieder wanderte eine zarte Röte seine Wangen hinauf, als wisse er selbst, was das bedeutete. „Katinka Aslan.“ 

Katinka Aslan. Also doch. Wir sprachen von dem gleichen Mädchen. Ich schluckte Levy zuliebe alles herunter, was mir an spontanen Gedanken auf der Zunge lag. Trotzdem konnte ich kaum fassen, was er mir offenbarte – die beiden passten doch zusammen wie Feuer und Wasser! 

„Levy, du weißt schon, dass sie …“

„Was?“, unterbrach er mich und wandte mir fragend sein Gesicht zu. „Sie ist nicht so, wie alle immer behaupten!“

„Sie ist aber auch nicht – normal.“

„Was ist denn schon normal? Niemand ist wahrhaft normal“, entgegnete Levy in jener merkwürdig erwachsenen Weisheit, die er manchmal urplötzlich an den Tag legte und mich jedes Mal stutzen ließ. Doch meistens verschwanden diese Momente so schnell, wie sie gekommen waren. 

„Na, normal wäre es, sich nicht mit jedem anzulegen, der einen schräg anschaut, und nicht dauernd ältere Schüler beim Langstreckenlauf abzuziehen und sich dann noch darüber lustig zu machen …“

„Das hat sie nicht. Sie hat sich einfach gefreut“, widersprach Levy friedlich. „Sie ist ja auch verdammt gut darin.“

Ja, das war sie – und nur deshalb wusste ich überhaupt, wer sie war. Die Schule duldete Katinka vor allem wegen ihrer außergewöhnlichen sportlichen Begabung. Sie war eine herausragende Langstreckenläuferin und machte sich regelmäßig einen Spaß daraus, ältere Schüler sportlich herauszufordern. Bei den Bundesjugendspielen hatte niemand auch nur annähernd Chancen, gegen sie zu gewinnen.
Es war schon beschämend, wenn man als Oberstufenschüler von einer Vierzehnjährigen überholt wurde, die einem dann noch grinsend den Stinkefinger zeigte, während man sich beim Laufen fast die Lunge auskotzte. Moritz ist das passiert, ich hab ihn danach stundenlang moralisch aufbauen müssen, und ich schlug gedanklich drei Kreuze, dass dieser Kelch an mir vorübergegangen war, weil ich wegen einer spontanen Gebüsch-Knutscherei die Anmeldung versäumt hatte. Gleichzeitig galt Katinka als rebellisch, respektlos und hatte den Ruf, ein unberechenbares Emotions-Jojo zu sein.

 „Bitte, Elijah. Bitte sprich mit ihr. Das ist eine so blöde Situation.“

„Levy, ich …“ Seufzend brach ich ab und überlegte, wie ich ihm beibringen sollte, dass er eigentlich den Sechser im Lotto gezogen hatte. Katinka Aslan ignorierte ihn. Das war etwas Gutes, nichts Schlechtes. „Du hast das doch gar nicht nötig.“

„Darum geht es nicht“, erwiderte er hartnäckig. „Ich möchte wieder mit ihr in Verbindung stehen.“ 

Wozu um Himmels willen?, fragte ich mich in Gedanken ratlos, gab aber unter einem weiteren Seufzen nach. So verträumt und naiv er auch durch die Welt lief: Wenn Levy von einer Sache überzeugt war, hatte es wenig Sinn, mit ihm darüber zu diskutieren – und er hatte offensichtlich längst beschlossen, dass ich und kein anderer es war, der die Situation wenden musste. 

„Also gut, von mir aus, ich rede mit ihr. Wo und wann? Denn ich werde sie nicht anrufen; wenn schon, dann Auge in Auge.“ Kichernde Mädchen an der anderen Leitung kannte ich aus meinen Teenager-Zeiten nur Genüge und ich hatte es nie gemocht; dieses unselige Kapitel musste ich nicht noch einmal aufleben lassen. 

„Du könntest sie nach dem Training abpassen, am Oststadion“, antwortete Levy wie aus der Pistole geschossen und seine Miene begann sich aufzuhellen. „Donnerstags ist sie so gegen fünf Uhr fertig.“

„Morgen schon …“

„Ja, morgen.“ 

 „Levy – bist du dir wirklich sicher, dass es dir wegen Katinka nicht gut geht? Oder ist es wegen Salome und Papa? Streiten sie sich wieder?“

„Nein, alles in Ordnung.“ Levy schaute mich offen an und endlich lächelte er wieder. Dass ich meine Mutter seit einiger Zeit bei ihrem Vornamen nannte, hatte ihn noch nie gestört. „Es wird immer besser, jeden Tag ein bisschen.“

„Ehrlich? Du musst mir nichts vormachen.“ 

„Ja, ehrlich.“

Zweifelnd lauschte ich seinen Worten nach. Noch vor kurzem hatte ich schon gespaltene Lager gesehen – und ausgerechnet in dieser Phase hatte meine Mutter mir angeboten, mir eine kleine Wohnung in der Stadt zu mieten, damit ich in der anspruchsvollen Phase vor dem Abitur kürzere Wege zur Schule hatte. Wenn Levy nicht gewesen wäre, hätte ich sofort zugestimmt, doch er beteuerte mir, dass das schon in Ordnung sei und er sich freue, mich dort besuchen zu können; wäre doch cool. Ja, das war es auch. Trotzdem packte mich manchmal das ungute Gefühl, mich verpisst zu haben, als mein Bruder mich am nötigsten gebraucht hatte. 

Vielleicht hatte auch Salome mich gebraucht. Immerhin hatte sie sich damals für mich entschieden, obwohl die Schwangerschaft ungeplant gekommen war und sie sich viel zu jung für ein Baby gefühlt hatte. Auch Papa kannte sie gerade erst ein paar Wochen. Doch das genügte ihm, um ihr auf den Knien einen Antrag zu machen und in den kommenden Jahren alles dafür zu tun, damit sie ein schönes, wohlhabendes Leben führen konnte. 

Im Außen war ihm das das ohne Zweifel gelungen. Kompromisslos hatte er seinen Traum vom Herumtingeln als Blues-Pianist geopfert, um sich in einer Immobilienfirma hochzuarbeiten und schließlich seine eigene zu gründen. Es hatte meiner Mutter an nichts gefehlt, doch als sie wieder anfing zu arbeiten und ihr neue Karrierechancen in einer Anwaltskanzlei geboten wurden, war in Papa eine Sicherung durchgebrannt. Erst hatte er sie betrogen, dann sie ihn, bis sie beide wochenlang kaum  miteinander redeten, sich aber auch nicht zu einer Trennung durchringen konnten. Genau in dieser eisigen Phase war ich ausgezogen. 

„Sie sprechen also nicht mehr über Scheidung?“, vergewisserte ich mich nach einer längeren Pause, in der Levy vertrauensvoll seinen Kopf an meine Schulter gelehnt hatte. Wir hatten schon immer gut zusammen schweigen können.

„Nein. Sie … sie reden viel miteinander, ohne zu streiten, und manchmal sieht Mama danach verweint aus, aber – ich glaube, es sind gute Gespräche.“

Weil Levy sich gar nichts anderes vorstellen wollte und konnte? Oder schätzte er die Situation richtig ein und sie rauften sich wieder zusammen? Sie liebten sich, daran hatte ich nie Zweifel gehabt. Papa vergötterte meine Mutter. 

„Du sagst es mir, wenn du mich brauchst, ja?“

„Ja“, erwiderte Levy bestimmt und nahm seinen Kopf von meiner Schulter. „Habe ich ja gerade getan. Ich brauche dich, damit du mit Katinka sprichst.“

Schon waren wir wieder bei diesem einen Mädchen gelandet, als gäbe es in Levys Leben kein anderes Thema mehr – und weil es mir auch in den folgenden Stunden nicht gelang, ihn von seiner Idee abzubringen, brach ich am nächsten Nachmittag wie ein Hofvasalle meines Bruders gegen 17 Uhr zum Leistungszentrum auf, obwohl ich immer noch nicht wusste, was genau ich zu Katinka sagen sollte. 

Es war bereits dunkel – wir hatten Februar –, und die Turnhalle sah so verlassen aus, dass ich gerade wieder ins Auto steigen und wegfahren wollte, als ich neben der Eingangstür schemenhaft die Gestalt eines Mädchens in Jeans und Trainingsjacke erkannte, das mit dem Rücken zu mir ihr Rad aufschloss. 

„Hey!“, rief ich ihr entgegen, damit sie sich umdrehte und ich ihr Gesicht sehen konnte, denn noch war ich mir nicht sicher, die Richtige vor mir zu haben. Keine Reaktion. „He, hallo!“ Wieder nichts. Inzwischen stand ich direkt hinter ihr. „Katinka?“

Am liebsten hätte ich aufgegeben, doch dann sah ich im Geiste die bittenden Augen meines Bruders, griff beherzt nach vorne und berührte das Mädchen an der Schulter, um auf mich aufmerksam zu machen. Blitzschnell fuhr sie herum und schlug mir dabei so heftig ihren Ellenbogen gegen meine Brust, dass ich fast das Gleichgewicht verlor und ein schmerzhaftes Reißen durch meine Schulterblätter fuhr – doch das motivierte mich nur dazu, mich noch größer aufzurichten, als ich es ohnehin schon tat, und ich kam mir dabei merkwürdigerweise nicht attackiert, sondern unverwundbar vor.  

Keuchend riss Katinka zwei leuchtend blaue Stöpsel aus ihren Ohren, aus denen in voller Lautstärke irgendein aggressives Rapgeschrei dröhnte, und drückte hastig auf ihrem MP3-Player herum, bis die Musik endlich verstummte. Ich wusste nicht, wer von uns beiden mehr erschrocken war, doch als unsere Augen sich trafen, spielte selbst der Schmerz in meinen Schultern keine Rolle mehr. Mir war, als würde die Zeit stehen bleiben und ein Mechanismus in Gang gesetzt werden, der die bisherigen Jahre meines Lebens genau auf diesen einen Impuls gewartet hatte – dem Kontakt unserer Pupillen. Nie zuvor und nie danach hatte ich so deutlich gespürt, dass ich lebte. Ich konnte sogar fühlen, wie meine Venen das Blut zu meinem Herzen pumpten, rhythmisch und kraftvoll. 

„Du …“, flüsterte Katinka und wich ein Stückchen zurück, ihre Augen immer noch ungläubig auf mich gerichtet. Trotz der Dunkelheit konnte ich ihre Farbe mühelos erkennen – ein sattes, leuchtendes Smaragdgrün. „Was machst du … du bist … ich …“ Sie musste schlucken, um weitersprechen zu können. „Hab ich dir wehgetan?“

„Nicht der Rede wert.“ Meine Stimme klang tiefer und voller als sonst. „Ich wusste nicht, dass du mich nicht hören kannst.“

„Nein, konnte ich nicht … Suchst du jemanden?“ 

„Ja. Dich.“

Ein Schauer rieselte über meine Wirbelsäule, als ich meine eigenen Worte in mir nachhallen hörte. Noch immer stand ich reglos und aufrecht vor ihr, ohne mich zu rühren, während Katinka nervös an ihren Kopfhörern herumzunesteln begann. 

„Das kann nicht sein …“, erwiderte sie flüsternd und wie zu sich selbst. „Du – du bist doch der große Bruder von Levy, oder?“

 „Ja, genau, und wegen ihm bin ich hier.“ In dem Moment, in dem sein Name gefallen war, hatte sich die Spannung in meinem Rückgrat schlagartig gelöst, und ich wusste wieder, warum ich vor ihr stand. „Können wir rasch zusammen was trinken gehen, um darüber zu …“

„Ich trinke keinen Alkohol“, unterbrach sie mich scharf. Auch sie hatte sich aus der Starre unseres ersten Augenkontakts befreit. „Außerdem ist morgen Schule und ich hab noch keinen einzigen Strich Hausaufgaben gemacht.“

Oh Gott, sie ist vierzehn, schoss mir durch den Kopf. Und ich frag sie, ob wir was trinken gehen … „Nein, ich meine, uns kurz irgendwo reinsetzen“, verbesserte ich mich beschwichtigend. „Ich bin extra deshalb hierhergekommen, und Levy … Es ist wichtig.“

Abwägend musterte sie mich. „Ist das irgendein Trick oder ein Spiel? Läuft eine Kamera, von der ich nichts weiß? Falls ja, dann …“ Katinka ballte ihre Faust und reckte angriffslustig ihr Kinn, doch ich sah auch, wie schnell sie atmete und dass ihre Augen sich immer wieder suchend umblickten. Sie traute mir nicht. „Dann finde ich das nicht witzig.“  

 „Nein, da ist keine Kamera. Ich will nur reden, wegen Levy. – Bitte“, setzte ich widerstrebend hinterher. Einmal und nie wieder, Levy, schwor ich mir. So sehr ich dich auch liebe. Katinka verschränkte die Arme und stierte zum Schwimmbad hinüber, hinter dessen Fenstern das Licht noch brannte. Gerade drehte ein Junge ein Salto vom Dreimeterbrett, während vor der Halle ein Kaninchen durch den aufsteigenden Dunst hoppelte. Mann, wäre es schön, jetzt zu Hause vor dem Fernseher zu sitzen und bisschen zu zocken, schoss es mir durch den Kopf, als Katinka sich mir wieder zuwandte und erneut mit Blicken zu röntgen versuchte. 

„Sorry, das geht nicht. Keine Chance. Kannst du mir nicht hier sagen, worum es geht?  Ich muss nach Hause, meine Eltern warten schon auf mich.“

„Okay, von mir aus.“ Dann hatten wir es wenigstens schnell hinter uns. Mehr schlecht als recht versuchte ich wiederzugeben, was Levy mir erzählt hatte – und ich konnte wirklich nicht besonders gut über Gefühle sprechen. Doch Katinka hörte mir aufmerksam zu, ohne mir dazwischenzureden, obwohl ich deutlich sehen konnte, dass sie fror und immer unruhiger wurde, je länger ich redete. „Was ich sagen will: Levy ist … er möchte mit dir Kontakt haben, aber er ist nicht in dich verliebt“, sprach ich schließlich aus, was ich für die wichtigste Nachricht hielt – in der Hoffnung, diese Botschaft würde sie in die Flucht treiben und ich Levy guten Gewissens sagen können, dass mein Versuch gescheitert war. 

„Ich weiß“, erwiderte Katinka mit ernstem Blick und wickelte ihren Schal enger um ihren zarten Hals. „Das weiß ich doch. Ich bin nicht seine Kragenweite. Ist in Ordnung, ich hab eh keine Zeit für Jungs.“

„Aber du – du scheinst ihn auf einmal völlig zu ignorieren und das versteht er nicht.“

„Ich dachte, ich geh ihm auf die Nerven. Das will ich nicht.“

„Das will er sicher auch nicht, er ist ja noch ein halbes Kind, aber … er möchte einfach wieder von dir beachtet werden – verstehst du, was ich meine?“, schloss ich leicht erschöpft. Ehrlich gesagt verstand ich mein Gefasel selbst nicht genau – und noch weniger, weshalb es Levy so wichtig war, dass Katinka ihn wahrnahm. Sie hob den Kopf und schaute mich direkt aus ihren grünen Augen an, in die sich plötzlich ein solch wehmütiger Ausdruck schlich, dass ich meine Abwehrhaltung ihr gegenüber vergaß.

„Ihr seht euch so ähnlich …“, murmelte sie sinnend. „Er hell, du dunkel. Aber ihr beide strahlt.“ Ihre Stimme war so leise geworden, dass ich sie kaum noch hören konnte. Dieses Mädchen vor mir war nicht Katinka, wie ich sie bisher aus der Ferne erlebt hatte; rebellisch, respektlos und kampfeslustig, und die Tiefe in ihren Worten bannte mich, ohne dass ich etwas dagegen tun konnte. Als habe sie meine Faszination bemerkt, richtete sie sich abrupt auf und trat einen großen Schritt vor mir zurück. „Okay, zurück zum Thema“, beschloss sie nüchtern und klang dabei auf einmal frappierend erwachsen. „Ich bin Levy also nicht egal?“

„Ich glaube nicht. Nein.“ Ich hätte mir zwar noch immer gewünscht, dass sie ihm gleichgültig war – aber so war es nicht. 

„Na gut.“ Katinka zuckte mit den Schultern und zog die Nase kraus. „Dann grüß ich ihn eben wieder. Ich – ich dachte, das ist ihm zu viel. Weil ich immerzu in seine Augen schauen muss, wenn ich ihm begegne. Ihre Farbe ist krass, ich hab sowas noch nie gesehen. Das fällt dir wahrscheinlich gar nicht mehr auf, du hast ihn ja jeden Tag um dich.“ Doch, es fällt mir noch auf. Immer. Und das wird auch nie anders sein. „Du heißt Elijah, oder?“

„Und du Katinka.“

„Ja. Wie eine Katze.“ Wieder zog sie die Nase kraus und stopfte sich die Kopfhörer in die Taschen, bevor sie nach ihrem Fahrradlenker griff, ohne sich jedoch in den Sattel zu schwingen. „Aber wenigstens ist es kein Allerweltsname.“

Allerweltsnamen hatten wir beide nicht, und dies war keine Allerweltsbegegnung. Sie fühlte sich friedlich und vertraut an, ganz unverhofft. Darauf war ich nicht vorbereitet gewesen, sondern eher auf unreifes Kichern und Zicken. Ich verfiel in Schweigen, ohne dass es mir unangenehm wurde. Auch Katinka schien es nicht zu stören. Stumm standen wir einander gegenüber, in der dunstigen Kälte dieses stillen Abends, und wussten nicht, was wir noch sagen sollten. Alles war zufriedenstellend geklärt, mein Auftrag längst erfüllt. Doch ich wollte sie nicht einfach so gehen lassen. Diese Vorstellung fühlte sich vollkommen falsch an. 

Trotzdem tat ich es. 

„Okay, Katinka, man sieht sich“, brummte ich lässig, diese dumme, leere Floskel, die eigentlich nichts bedeutet, und hob kurz die Hand, bevor ich mich umdrehte und zurück zu meinem Auto lief.

Meine Worte bewahrheiteten sich. 

Ich sah sie morgens, wenn sie zur Schule lief, sah sie, wie sie Cola-Dosen über den Hof kickte, mit den Jungs Fußball spielte, meinen Bruder neckte. 

Doch war nicht nur ein Sehen. 

Es war ein visuelles Eintätowieren in meine Seele.

Ich bekam sie da nicht mehr heraus.

 

What is love?

 

Meine scheinbar unerschütterliche, oberflächliche Lebensweise war durch den Kontakt mit Katinka nur zwischenzeitlich ins Wanken geraten und holte mich rasch wieder ein. Der mit aller Wucht hereinbrechende Frühling half mir dabei, die Erinnerungen an unser Gespräch zu verdrängen, sodass sie mich nur noch streiften, wenn wir uns im Schulhaus über den Weg liefen und sie demonstrativ wegschaute, als wolle sie es auf keinen Fall riskieren, eine Situation entstehen zu lassen, in der wir beide nicht wussten, wie wir uns verhalten sollten. Doch unsere Begegnung hatte ihre Spuren hinterlassen.

Alles, was ich von nun an erlebte, war von einer latenten Endzeitstimmung geprägt, die mich mit leisem Widerwillen mir selbst gegenüber erfüllte, mich andererseits aber sämtliche schwerelosen Vergnügungen intensiver erleben ließ. Ich wurde schier unersättlich nach schnellen, leicht bekömmlichen Kicks, Flirts und Ablenkungen.

Weil ich meinen Cabrio mit einer MP3-Anlage aufmotzen und im August zudem mit einigen Freunden nach Cap Feret fahren wollte – Dinge, wofür ich von meinen Eltern keine Zuschüsse bekam – , machte ich mich schon frühzeitig auf die Suche nach einem möglichst bequemen und ertragreichen Ferienjob für den Sommer, was eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit war. 

Doch durch meinen Sportlehrer fand ich tatsächlich eine Arbeit, bei der ich Urlaub, Freizeit und Bewegung kombinieren konnte. Ich war immer sehr gut in Sport gewesen, hatte nie den Unterricht geschwänzt und deshalb ein sehr entspanntes Verhältnis zu Herrn Raubach. Irgendwie hatte er einen Narren an mir gefressen. Als er erfuhr, dass ich auf der Suche nach einem Job war, machte er mir eines Nachmittags den Vorschlag, mich als Betreuer bei einem Leichtathletik-Trainingslager an der Nordsee zu empfehlen. Meine Aufgabe sollte darin bestehen, die Kids abends etwas zu beschäftigen und morgens den Frühsport zu organisieren. Nachmittags würde ich Zeit zur freien Verfügung haben. Ich bewarb mich – und wurde mit zwei anderen aus fünfzig Interessenten ausgewählt, die meisten davon Sportstudenten. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Herr Raubach kräftig nachgeholfen hat.

Als mir die Unterlagen zugesendet wurden und ich Katinkas Namen auf der Liste der jungen Spitzensport-Talente entdeckte, bekam ich das Grinsen für Stunden nicht mehr aus meinem Gesicht. Damals glaubte ich noch nicht an Fügung und hielt die Sache für einen kuriosen Zufall, den ich so schnell wie möglich mit ihr teilen wollte.

Am nächsten Morgen fuhr ich nicht an ihr vorbei, als ich sie auf dem Schulweg über den Bürgersteig trödeln sah, sondern hielt neben ihr an und kurbelte das Fenster herunter. Verschlafen drehte sie den Kopf zur Seite, um mit verkniffenem Blick einen Kopfhörer aus ihrem Ohr zu lösen.

„Komm, steig ein, ich nehme dich mit!“, rief ich ihr zu. Ihre Augen wurden noch etwas schmaler. Sie sah aus, als würde sie gleich zu fauchen anfangen – eine Katze kurz vor dem Tatzenhieb. Von ihrer sanften Tiefe, die bei unserem Zusammensein an der Turnhalle so unvermittelt hervor geschimmert war, war nichts mehr zu spüren.

„Stalkst du mich jetzt oder was?“

„Nein. – Komm, steig schon ein und mach keine Szene.“

„Ich mache keine Szene.“ Katinka ignorierte das Hupen der anderen Autos mit stur verschränkten Armen. Es bildete sich bereits ein kleiner Stau und ich erkannte im Wagen hinter mir meinen Mathelehrer. Na klasse, jetzt hatten wir auch noch Zuschauer. „Außerdem steige ich nicht zu fremden Männern ins Auto. Das kannst du haken, Elijah.“

„Ich bin weder fremd noch ein Mann“, entgegnete ich flapsig und setzte ein gewinnendes Grinsen auf. Was für eine freche Lüge. Wir kannten uns nicht und ein Junge war ich schon lange nicht mehr. Außerdem sah ich älter aus, als ich war. „Und ich habe dir etwas zu sagen.“ Herr Greif hinter mir begann schon winkend hinter der Scheibe herumzufuchteln. „Letzte Chance.“ Entschlossen griff ich zur Seite und öffnete die Tür.

„Na, die paar Meter hätte ich auch noch laufen können.“ Kopfschüttelnd ließ Katinka sich auf den Beifahrersitz fallen, ohne sich anzuschnallen. „Wieder was mit Levy? Denn wenn nicht, dann …“

„Nein, mit mir und mit dir.“

„Bitte was?“ Katinka tat auf abgebrüht, aber ich sah, wie ihre Wimpern flatterten. „Was meinst du damit?“

„Wir werden demnächst ziemlich viel Zeit miteinander verbringen.“ Für einen Moment hätte ich mich ohrfeigen können. Ich benahm mich wie ein elender Verführer. Ich sollte mir endlich mal merken, wie alt sie war.
„Ja, echt? Glaubst du das wirklich?“
„Ich glaube es nicht nur, ich weiß es. Stichwort St. Peter Ording.“

Schweigend musterte sie mich von der Seite, ihre Miene voller Misstrauen und Fragen. „Aha“, machte sie schließlich abschätzig. „Versuchst du einen auf Leistungssportler zu machen in deinem fortgeschrittenen Alter?“

„Nein, das ist mir zu anstrengend. Ich kümmere mich lieber um die, die es werden wollen.“ Da, eine Parklücke. Einhändig kurbelte ich am Lenkrad herum und zog dabei die Teilnahmebestätigung aus der Tasche, um sie Katinka auf den Schoß flattern zu lassen.

„Ich hab also doch recht“, zischte sie, nachdem sie den Zettel überflogen hatte.

„Du stalkst mich.“ Das leichte Grinsen, das über ihr Gesicht gehuscht war, als sie erkannt hatte, worum es hier ging, strafte ihre Worten Lügen. Irgendetwas an dieser Nachricht gefiel ihr – und das wiederum gefiel mir. Trotzdem hatte ich nicht mit einer solchen Gegenwehr gerechnet und erst recht nicht mit derartigen Vorwürfen.

„Das ist Zufall, Katinka. Ich hab nicht gewusst, dass du dabei bist.“

„Wer‘s glaubt …“, konterte sie tonlos und gab mir mit finsterem Blick die Teilnahmebestätigung zurück. „Falls du meinst, du kannst mich dort rumschikanieren, hast du dich geschnitten.“

„Meine ich nicht. Ich will die Kohle, das ist alles, und ich dachte, du solltest wissen, dass ich dabei bin.“

„Kohle wofür? Hast doch alles.“ Sie machte keine Anstalten, auszusteigen, obwohl ich den Motor längst ausgeschaltet hatte und es zur ersten Stunde klingelte. „Auto. Bonzen-Klamotten. Weiber.“ Okay, mein Ruf war mir also bereits bis in die achte Klasse vorausgeeilt. „Einen Bruder, der dich über alles liebt“, setzte sie nach einer kleinen Pause kaum hörbar hinterher. Diese Bemerkung passte nicht in ihre Aufzählung – und erst recht nicht zu ihrem Blick.

„Ich will mein Auto tunen und …“

„Wozu? Es fährt.“

„… und mit meinen Leuten im Sommer nach Cap Feret.“

„Ah, okay. Bums- und Sauf-Urlaub.“ Ich lachte überrascht auf, fühlte mich aber gleichzeitig merkwürdig bloßgestellt. Ja, stimmt, gewissermaßen war das so, obwohl ich niemals ihre Worte gewählt hätte. Wer sagte heute noch bumsen? Aber Ellen wollte mitfahren. Auf sie hatte ich schon lange ein Auge geworfen. Und ja, es wurde dabei wahrscheinlich auch die eine oder andere Flasche Wein geköpft. „Na dann. Viel Erfolg beim Frühsport.“ Katinka stieß unsanft die Tür auf, drehte sich aber noch einmal mit unlesbarem Gesichtsausdruck zu mir um.
„Ich verrate dir ein kleines Geheimnis, Elijah. Morgens bin ich immer besonders gut gelaunt.“

Jetzt blieb mir das Lachen im Halse stecken. Zicke, dachte ich überrascht. Doch ich wusste, dass das nicht stimmte. Sie war keine Zicke, so angriffslustig sie auch sein mochte. Sie versuchte es ernsthaft mit mir aufzunehmen und sich nicht von mir einschüchtern zu lassen, um keinen Preis der Welt.

Ich mochte das sogar. Es reizte mich. Doch ich bekam auch Zweifel, ob meine Bewerbung für das Trainingslager wirklich eine gute Idee gewesen war. Ich hatte keine Lust darauf, mir jeden Tag Wortgefechte mit einem pubertären Mädchen liefern zu müssen, das glaubte, mich zu durchschauen – nur um ein bisschen Geld zu verdienen. Andererseits hatte ich schon zugesagt und war zu faul, um mir etwas anderes zu suchen.

Deshalb zog ich mich wieder von Katinka zurück und baute auf die Zeit. Wenn ich morgens an ihr vorbei fuhr, hielt ich nicht mehr an, und in den Hofpausen handhabte ich es wie sie – wir gingen uns aus dem Weg, so gut es auf dem begrenzten Gelände möglich war. Ich ertappte mich immer wieder dabei, wie ich automatisch meine Blicke hob, sobald sie in meinen Radar geriet, und glaubte schwören zu können, dass es umgekehrt ebenso war.

Doch sie näherte sich mir nie mehr als zehn Meter und ich war zu stolz, mir noch einmal ihre Unverschämtheiten an den Schädel knallen zu lassen. Bis zum Trainingslager musste ich mir meinen Respekt zurückerarbeitet haben, auch wenn ich daran zweifelte, dass er jemals vorhanden gewesen war. Katinka hätte wahrscheinlich sogar Kim Jong die Stirn geboten, während der mit seinen Atomwaffen Russisch Roulette spielte.

Doch kurz vor den Sommerferien geschah etwas, das unsere Kampfgespräche mit einer solchen Wucht in den Schatten stellte, dass sie mir vorkamen, als hätten sie nie wahrhaft stattgefunden. In einer einzigen Nacht, in einem einzigen Augenblick, geriet mein Dasein vollkommen aus den Fugen. 

Wäre dieser Moment nicht gewesen, hätte ich vielleicht bis in alle Ewigkeit so weitergemacht wie bisher. Mit ihm begann sich mein Leben nach und nach umzuwälzen, anfangs kaum spürbar, doch dann überrollte es mich samt meinem blödsinnigen Weltbild wie ein Tsunami, sodass kurzzeitig von meiner ursprünglichen Selbstverliebtheit nichts mehr übrig blieb.

In jener lauen Sommernacht war in der Stadt auf dem Festplatz Jahrmarkt. Ich liebe dieses altmodische Wort. Jahrmarkt. Und ich liebe, was an diesem Abend geschah, ja, ich liebe es immer noch.

Für die Teenies war dieses jährliche Event oft die erste Chance, mit Freunden auszugehen und länger aufzubleiben als sonst, ohne Eltern im Nacken, und für uns Älteren eine gute Gelegenheit, Leute zu treffen, zu flirten und ein Stück viel zu fettige Pizza zu essen, um später, wenn es auf Mitternacht zuging, mit den richtigen Kneipentouren zu beginnen oder in einen Club zu fahren.

Wie jedes Jahr hatten wir uns am Autoscooter verabredet – dort, wo jene Songs liefen, die man sich allenfalls heimlich erlaubte, obwohl sie niemanden unberührt ließen in dieser samtigen, warmen Sommernacht. Wir wollten noch das Feuerwerk abwarten, bevor wir weiterzogen, und das sinnlose Herumlungern und Sprücheklopfen fühlte sich auf angenehme Weise leer und belanglos an, man konnte nicht satt davon werden. Wir kamen uns überlegen vor, obwohl wir den gleichen Rausch erlebten wie die anderen Gestalten, die hier ihre Zeit totschlugen und sich dabei blind im Kreis drehten.

Als „What is love“ von Haddaway erklang, einer jener Heimlich-Songs, zu dem niemand offiziell stehen wollte, spürte ich plötzlich, dass sich etwas um mich herum veränderte, als würde die Luft sich schlagartig um einige Grade erwärmen und die Gerüche nach Zuckerwatte, gebrannten Mandeln und Sommer intensiver werden.

Mit den Händen in den Hosentaschen drehte ich mich einen Schritt zur Seite – und diese kleine Bewegung genügte, um mich in eine andere Welt zu katapultieren, als hätte ich ein geheimes, unsichtbares Tor durchschritten. 

Den Weg zurück habe ich anschließend nie wieder gefunden.

Katinka hatte mich noch nicht bemerkt. Sie stand inmitten eines kleinen Trupps gleichaltriger Mädchen und Jungen, die miteinander herumalberten, und klaubte einer Freundin gerade mit den Zähnen das Ende einer rotweißgestreiften Gummischlange aus den Fingern. Lachend begann sie sie zu kauen; ein Grübchen im Kinn und sprühend vor Lebensfreude. Bunte Funken schienen ihre Gestalt zu umtanzen, sie war ihr eigenes Feuerwerk geworden. Ihr Gesicht hatte sie in meine Richtung gewandt, ohne mich dabei wahrzunehmen – ein paar Sekunden lang nur, aber diese Sekunden gehörten mir.

Ich sah Katinka an, als wolle ich sie mit meinen Augen umarmen, schützend, kraftvoll und warm, und als sie endlich ihren Kopf hob und mit erstauntem Blick mein Schauen erwiderte, waren wir mit einem Mal völlig alleine auf der Welt. Ich vergaß meine Freunde, ich vergaß den Trubel um uns herum, den Grund, warum wir hier waren, alles. Da war nur noch die Musik, Katinka und ich. 

Es war kein Flirt. Es war viel mehr. Während ich sie anschaute und ihr noch so kindliches Gesicht erforschte, in denen diese weisen, unergründlich tiefen Augen hausten, und sie wie hypnotisiert kein einziges Mal zu blinzeln wagte, begriff ich, dass ich für sie da sein musste – obwohl ich noch keinen blassen Schimmer hatte, als was und wozu.

Aber ich musste für sie da sein.

Mag sein, dass das kitschig klingt – und das war es auch, aber auf eine gute Art, obwohl mir genau dieses Gefühl im Nachhinein derart fremd war, dass ich stundenlang unter Strom stand und mir gegen Morgen diesen bescheuerten Song runterlud und in Dauerschleife hörte, bis der Nachbar gegen die Wand hämmerte und mir mit der Polizei drohte.

Ich sah Katinka noch vor mir, als ich einschlief, ohne zu verstehen, was in diesem Augenblick eigentlich zwischen uns geschehen war. Der Moment war ja auch schnell wieder vorüber gewesen, es konnte sich nur um wenige Atemzüge gehandelt haben, ohne dass ich mich an einen einzigen davon erinnern kann.

Aber unser intensiver Blickkontakt war auch bei meinen Freunden nicht unbemerkt geblieben. Ich hatte ein paar belustigte Kommentare geerntet, dazu einen Knuff in die Seite und irgendeinen doofen Lolita-Witz, den ich sofort wieder verdrängte. Wir waren weiter gelaufen, als sei nichts gewesen, und ich hatte Katinka ohne einen Gruß oder eine einzige Geste bei ihren Freunden zurückgelassen. Das Feuerwerk hatte ich wie in Trance erlebt, und auch an den Rest des Abends kann ich mich kaum erinnern. Ich weiß nur noch, wie ich in aller Herrgottsfrühe angetrunken am Computer saß und versuchte, mich über die Musik zurückzubeamen.

Manchmal gelingt mir das heute noch.

Am letzten Schultag vor den Ferien, zwei Tage später, begegneten Katinka uns im Treppenhaus. Wir hatten keine Chance, einander auszuweichen oder so zu tun, als sähen wir uns nicht. Zum ersten Mal grüßten wir uns, knapp und emotionslos. Doch ihr Blick war tief und prüfend, und ich glaube, meiner auch. Etwas hatte sich verändert, sie musste das ebenfalls gespürt haben.

Aber wir waren unfähig darüber zu sprechen.

Bis heute haben wir es nicht getan. Ich weiß nicht, was sie darüber denkt, wie sie selbst diesen Moment empfunden hat.

Doch würde ich wieder auf diesem beschissenen Abitreffen sitzen und einer der anderen würde mich fragen, für welchen Augenblick es sich gelohnt hat, sechs Jahre lang auf der Stelle zu treten, würde ich sagen: Für diesen.

Für diesen und für tausend andere.

 

 

3 Gedanken zu “Buch-Engel für „Gelebte Zeit“ gesucht!”

  1. Liebe Bettina,
    schon damals, als du die ersten Zeilen veröffentlicht hattest, hatte mich die Atmosphäre gefesselt. Und selbst, als ich die bekannten Zeilen nochmals gelesen habe, taten sie es wieder.
    Ich freue mich so, dass du dieses Buch veröffentlichen möchtest und möchte dich gerne darin unterstützen, soweit es mir möglich ist.
    Deswegen bewerbe ich mich hier als Buch-Engel für „Gelebte Zeit“. Das Buch hat Potential auch nach mehrmaligem Lesen, noch immer zu berühren und das ist ein Schatz, der gewahrt werden muss.

    Herzliche Grüße

  2. Hallo liebe Bettina,

    nach diesen Kapiteln möchte ich sehr gerne weiterlesen, wissen wie sich Elijah weiterentwickelt, da er mir ein bisschen oberflächlich vorkommt, (er ist ja aber auch erst 18 und 😉 ) und wie er zu dem Menschen wird der im Prolog beschrieben wird. Auch Katinka finde ich super interessant, sie scheint so stark zu sein, aber auch einen sehr verletztlichen Kern zu haben. Freue mich sehr auf das Buch.

    Ganz liebe Grüße Sandra

    (PS, wäre so gerne ein Buch-Engel, weiß aber nicht ob ich es zeitlich schaffe)

  3. Liebe Bettina,

    Ich habe bereits deine Splitterherz Trilogie geliebt und quasi inhaliert. Ich wäre sooo gespannt wie es mit Elijah und Katinka weiter geht! Die Charaktere haben schon so eine Ausstrahlung, dass mein gesamtes Interesse geweckt wurde 🙂
    Sehr gerne würde ich dein Manuskript lesen♡

    Viele Grüße
    Karin

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