Den inneren Seelenfrieden finden – wie geht das?

„Ich habe dich so lieb.“ „Es tut mir unendlich leid, dich verletzt zu haben.“ „Ich werde immer für dich da sein und dich niemals verlassen.“ „Du bist mir wichtig.“ „Ich beschütze dich.“ „Du bist wertvoll.“

Hörst du die wohltuende Melodie dieser Sätze? Wie Balsam scheint sie sich auf unsere Wunden zu legen und uns Heilung zu schenken. Wenn wir verletzt worden sind, uns in Unruhe befinden und uns im Sturm des Lebens nicht mehr zurechtfinden, sehnen wir uns unbändig nach ihnen. Wir glauben, dass wir unseren Seelenfrieden erst dann finden, wenn wir sie nur endlich hören könnten, aus dem Mund eines geliebten Menschen, aufgestiegen aus seinem Herzen.

Was wäre, wenn wir selbst dieser Mensch sind – und uns jeden Tag aufs Neue mit Melodien verwöhnen, die unserer Seele gut tun? Denn wir sind die Komponisten und Dirigenten unseres Lebens, und sobald wir damit anfangen, uns selbst jene Melodien zu schenken, nach denen wir uns sehnen, gelangen wir zu einem tieferen, unabhängigeren Seelenfrieden, als die Worte anderer Menschen ihn uns je vermitteln könnten.

Glück sollte niemals auf den Worten anderer Menschen fußen

Vergangenen Sommer sind mir Tagebücher aus meiner Jugendzeit in die Hände gefallen. Ich durchlebte damals eine zutiefst unglückliche Liebe und war überzeugt davon, erst wieder froh sein zu können, wenn der andere mir sagte, dass ihm leid tat, was er mir „angetan“ hatte. Ich wollte von ihm hören, woran ich in diesen finsteren Tagen selbst nicht mehr glaubte: dass ich wichtig und liebenswert bin.

Es dauerte einige Jahre, bis ich begriff, dass jedes Glück brüchig wird, wenn es auf den Worten anderer Menschen aufgebaut ist. Wir geraten damit in eine permanente Abhängigkeit.

Wahrhaft frei sind wir dann, wenn wir uns selbst als die Komponisten unserer Lebenssinfonie begreifen. Erst, wenn wir diese Sinfonie eigenverantwortlich gestalten und jene Melodien spielen, nach deren Klang unsere Seele sich sehnt, kann sich dauerhafte Zufriedenheit in uns einstellen.

Eine Sinfonie ist ein vielschichtiges Konstrukt, das ähnlich einem Haus aus mehreren, unverzichtbaren Bestandteilen besteht. Wird eines dieser „Bauteile“ vernachlässigt, droht die Sinfonie in sich zusammenzustürzen, verliert an Fülle und hört sich unvollständig an. So ist es auch mit unseren Lebensklängen.

Unsere Bedürfnisse wollen von uns selbst erfüllt werden

Wir Menschen sind komplexe Wesen, und nur, wenn wir unsere körperlichen, geistigen und seelischen Bedürfnisse achten und erfüllen, fühlen wir uns satt und vollständig. Wie wichtig es sein kann, diesen Bausatz regelmäßig unter die Lupe zu nehmen, habe ich vergangenen Sommer erfahren dürfen. Obwohl mein Leben von außen betrachtet reichhaltig war, spürte ich: Etwas fehlt. Mein Alltag kam mir reduziert und manchmal sogar leer vor, obwohl ich von morgens bis abends beschäftigt war.

In einem plötzlichen Impuls buchte ich mir eines Tages einen Golf-Schnupperkurs – und schon nach den ersten Schlägen war es um mich geschehen. Inzwischen, nach etlichen weiteren Trainingsstunden, weiß ich: Mir hat Sport gefehlt, mein Körper wollte neu gefordert werden. Ich hatte die Bässe meiner Lebenssinfonie vernachlässigt, ohne es zu merken, da ich der Meinung gewesen war, mein Zusammensein mit den Pferden reiche als Bewegung völlig aus. Mein Körper allerdings wollte mehr – und davon wiederum profitieren nun Geist und Seele.

Die Bässe geben der Lebenssinfonie ihre Basis, ihre Substanz. Man kann sie sich vorstellen wie eine stabile Tragfläche, auf der alles andere aufbauen kann – so wie unser Körper uns als Basisstation dazu dient, unsere Erfahrungen auf der Erde zu machen. Deshalb ist es essenziell, dass wir uns seinen Bedürfnissen widmen und überprüfen, ob wir ihnen noch angemessen nachkommen: Passen unsere Ernährungsgewohnheiten zu uns? Fühlen wir uns in unserer Kleidung wohl? Ist die Zeit reif für einen Umzug oder für eine Neugestaltung der Wohnung?

Wonach sehnt sich unser Körper – möchte er an Gewicht verlieren oder zulegen, bewegen wir ihn genügend, können unsere Lungen tief atmen, wollen wir tanzen, singen, rennen? Antworten auf diese Fragen finden wir nur in unserem Inneren, denn jeder Körper ist anders, so wie jede Sinfonie anders klingt.

Spielerisches Austesten von Neuem unterstützt uns dabei, unsere „Basslinie“ neu zu komponieren. Der Bass ermöglicht es uns auch, uns zu erden – gerade dann, wenn wir uns in einer turbulenten Zeit befinden. Eine leicht umsetzbare Erdungsübung ist das bewusste Barfußlaufen. Durch das aufmerksame Hineinspüren in unsere Fußsohlen werden wir uns unseres gesamten Körpers gewahr.

Hast du deinen ureigenen Rhythmus schon gefunden?

Wenn wir uns dabei vorstellen, wie Mutter Erde uns dank ihrer unerschütterlichen Anziehungskraft sicher trägt, finden wir rasch zur inneren Ruhe und atmen tiefer und ruhiger ein und aus. Vielleicht finden wir dabei auch wieder zu unserem natürlichen, ureigenen Lauftempo – und schon haben wir die nächste Ebene unserer Lebenssinfonie erreicht: den Rhythmus. Die stabilsten Bässe nützen uns nichts, wenn wir einen Rhythmus leben, der nicht zu uns passt.

Vielleicht ist er zu schnell, zu hektisch, und wir fühlen uns in seinen Schlägen permanent bedrängt und eingeengt. Oder er ist müde und träge geworden, sodass wir uns mutlos, verzagt und ausgelaugt vorkommen und uns nur noch durch unser Dasein quälen. Für die meisten Menschen ist es normal geworden, sich den Rhythmus ihrer Lebenssinfonie vom Außen vorgeben zu lassen. Das geht so lange gut, bis sie stolpern und fallen – und keine Kraft mehr finden, aufzustehen. Sie sind ausgebrannt.

Denn jeder Rhythmus lebt von seinen Pausen. Sie erst schenken ihm seinen besonderen Charakter. Sind diese Pausen zu kurz und unregelmäßig, wird die Lebenssinfonie hektisch. Werden sie jedoch zu lang, schwindet die Kontinuität, wir verlieren den roten Faden. So, wie jeder Musiker aufmerksam auf die Pausenzeichen achtet, sollten wir achtsam mit unserem Lebensrhythmus umgehen. Unsere Wahrnehmung ist dabei unser bester Freund.

Ich habe jahrelang gebraucht, es mir zu verzeihen, dass ich im Winter morgens wesentlich länger schlafe als im Sommer. Ich kasteite ich mich regelrecht, im Winter genauso zu funktionieren wie im Sommer – bis ich einsah, dass ich mir damit nur schadete. Seitdem ich diese individuellen Bedürfnisse meines Körpers ohne schlechtes Gewissen achte, hat sich die Hauptarbeitslast wie von selbst vom Winter in den Sommer verschoben. Doch nicht nur Pausen, sondern auch Rituale geben unserer Lebenssinfonie ihren idealen Rhythmus und schenken uns überdies ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit.

Regelmäßiges Meditieren am Morgen und Abend zum Beispiel verleihen jedem noch so anspruchsvollen Tag seinen festen Rahmen. Selbst, wenn die Meditation mal keine Meditation ist, weil unser Verstand nicht zur Ruhe kommen mag, gönnen wir uns dabei trotzdem unser festes Ritual. Das kann auch ein regelmäßiges Bad bei Kerzenschein sein, eine Spazierrunde, das gesellige Kartenspiel mit Freunden oder eine Lieblingsserie, von der wir wissen, dass sie uns stets ein Lachen entlockt und bereits mit ihrer Eingangsmelodie wohlige Gefühle in uns auslöst. So sollten wir auch die Melodie unserer Lebenssinfonie gestalten – sie hat dann den passenden Klang für uns, wenn wir uns in ihr wohlfühlen.

Erschaffe dir deine unverwechselbare Lebensmelodie!

Bässe und Rhythmen können sich ähneln, doch die Melodie macht eine Sinfonie unverwechselbar. Für unser Leben bedeutet dies, dass wir uns von der Illusion befreien, das Außen entscheide über unser Glück – Worte und Taten anderer Menschen, das Wetter, gesellschaftliche Umstände, politische Entwicklungen und vieles mehr. Nicht immer können wir beeinflussen, was um uns herum geschieht, doch wir haben jederzeit die Möglichkeit, zu entscheiden, ob wir unsere Gedanken und Gefühle von diesen Ereignissen abhängig machen.

Wir sind nicht dazu verpflichtet, traurig zu sein, wenn in der Welt eine Tragödie geschieht! Auch wenn alle um uns herum einen schier übermächtigen Trauergesang anstimmen, können wir jene helle, perlende Melodie sein, die Licht ins Dunkle bringt. Anstatt in das allgemeine Lamentieren einzufallen, lenken wir unseren Blick spielerisch auf die hellen, schönen Seiten des Lebens. Diese Freiheit haben wir jederzeit.


Wir selbst entscheiden, ob unsere Lebenssinfonie in Dur oder in Moll erklingt – und sollten wir uns dabei einmal für Moll entscheiden, ist das vollkommen in Ordnung. Es gibt Tage, an denen passt Dur nicht. Da ist uns nicht nach Fröhlichsein, nach Tanzen und Lachen zumute. Wir brauchen einen sanften, weichen Klang, in den wir uns einwickeln können wie in eine schützende Decke.

Am nächsten Tag können wir uns neu für die Freude entscheiden und unsere Melodie – also unsere Worte, Gedanken und Taten – dementsprechend gestalten. Doch nur, wenn wir auch auf die Obertöne achten, kann die Melodie unserer Lebenssinfonie ungetrübt schwingen. Obertöne finden wir in keiner Notenpartitur; sie sind in ihrer sphärischen Zartheit nicht greifbar, aber fühlbar – und sie führen uns zu unserem Seelenklang.

Missachten wir den Ruf unserer Seele, wird jede noch so kunstvoll komponierte Lebenssinfonie eindimensional. Wir sehen zwar: Oh, da ist der tolle Beruf, das schöne Haus, der exotische Urlaub, das ungewöhnliche Hobby, der illustre Freundeskreis, eine stabile Partnerschaft – und doch verspüren wir einen Hunger, der schmerzhaft an uns nagt.

Denn unsere Seele möchte gehört werden und das gelingt am besten in der Stille, in jenen kostbaren Momenten, in denen das Orchester schweigt und wir in Kontakt mit unserem innersten Selbst kommen. Dann vernehmen wir die Obertöne, den Ruf unserer Seele, und hören sie zart mit den Flügeln schlagen.

So wichtig die Bässe, der Rhythmus und die Melodie für unsere Lebenssinfonie sind: Ohne in der Stille die Obertöne zu erlauschen, wird sich kein dauerhafter Seelenfrieden einstellen. Seelenfrieden finden wir, wenn wir es wagen, wir selbst zu sein.

Dann sagen wir mit Leichtigkeit und Freude zu uns: „Ich habe mich so lieb.“ „Es tut mir unendlich leid, mich verletzt zu haben.“ „Ich werde immer für mich da sein und mich niemals verlassen.“ „Ich bin mir wichtig.“ „Ich beschütze mich.“ „Ich bin wertvoll.“

Alles Liebe, Kyrala


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