Achtsames Joggen: Gut für den Körper, besser für die Seele

Wir wissen es alle: Unser Körper möchte gerne bewegt werden. Tun wir das nicht, stellen sich mit der Zeit allerlei Zipperlein ein, physisch wie psychisch. Unser System ist unterfordert.

Doch mit dem Vorsatz, regelmäßig Ausdauersport zu treiben, klappt es oft nicht besonders gut. Es herrscht mehr Frust als Lust. Wir müssen uns jedes Mal überwinden und bauen in erster Linie auf die emotionale Wirkung („Ich hab was für mich getan“), die ja aber erst anschließend eintritt. Bis dahin ist die Sache tendenziell unangenehm.

Bewegung sollte Freude machen – währenddessen, nicht erst danach

Wir sind es gewöhnt, Dinge erfolgsorientiert anzugehen. Also stecken wir uns Ziele, die unbedingt erreicht werden wollen, und selten realistisch sind oder gar harmonisch in den Alltag integriert werden können. Das eigentliche Spiel wird zum Kampf gegen sich selbst und die eigenen Grenzen werden regelmäßig überschritten, bis hin zur Suchtgefahr. Nicht selten zieht der Körper irgendwann die Notbremse und signalisiert mit schmerzhaften Beschwerden, dass ihm gar nicht gefällt, was wir da tun.

Ist dir mal aufgefallen, dass die wenigsten Jogger glücklich und entspannt aussehen? Oder dich aus dem Herzen heraus anlächeln können, wenn du ihnen begegnest? Viele Läufer wirken verbissen, ihr Gesicht ist verkrampft, ihre Bewegungen erscheinen unrund und abgehackt. Mag sein, dass sie sich anschließend gut fühlen, der ausgeschütteten Endorphine zum Dank.

Aber wäre es nicht viel schöner, alle fixen Ziele fallen zu lassen und das Laufen zu genießen, ganz egal, welche Erfolge der Schrittzähler anschließend anzeigt?

Haben wir ganzheitlich betrachtet nicht einen viel größeren Benefit, wenn es uns schon während dem Laufen ausgezeichnet geht und wir uns nicht mit Erwartungen und Enttäuschungen kasteien?

Können wir das freie, achtsame Laufen vielleicht sogar dafür nutzen, uns bei jedem Schritt von abgestandener, negativer Energie zu befreien?

Und wen interessiert es wirklich, wie viele Kilometer wir in welcher Zeit schaffen, wenn unser Herz bei jedem Schritt freudig lacht?

Sind 500 im sachten Trab und beschwingt zurückgelegte Meter nicht viel wertvoller und nachhaltiger als 5 verkrampfte Kilometer im ständigen Kampf gegen Schmerzen und Atemnot?

Menschen in sitzenden Berufen geht meist schnell die Puste aus

In sportlichen Angelegenheiten war ich früher immer ehrgeizig – das galt auch für das Joggen. Ich habe von Natur aus ein gewisses Langstrecken-Talent und beutete es bei meinen Jogging-Versuchen gnadenlos aus. Die Folge: Wadenkrämpfe, Bauchschmerzen, Schwindel, Erschöpfung. Irgendwann beschloss ich, überhaupt nicht mehr zu joggen. Lieber ging ich spazieren, machte Qi Gong, ritt auf meinem Pferd durch den Wald oder spielte Golf.

Aber genau bei letzterem spürte ich kürzlich, dass mir Kondition fehlte. Ich bin auf einem wunderschönen, aber sehr hügeligen Golfcourse im Siebengebirge zu Hause, wo man samt Bag und Trolley so einige Höhenmeter zurücklegen muss – und oft war ich schon außer Atem, wenn ich zum Training auf der Driving Range angekommen war. Das störte mich und erschwerte mir die Fokussierung auf meine Schläge.

Also doch wieder Laufen gehen? Eines Abends testete ich es einfach aus, ohne ein fixes Ziel wie früher. Ich nahm mir vor, bewusst auf meinen Körper zu achten und seine Zeichen zu respektieren, ganz gleich, was mein Kopf davon hielt. Ich glaube, es ist den Jahren der Meditation und des Wahrnehmungstrainings zu verdanken, dass es dieses Mal gut ausging und ich anschließend erfrischt war – und nicht etwa geschwächt.

Schon auf den letzten Metern hatte ich den Namen für diese neue Form des Laufens gefunden: Achtsames Genussjogging. Es geht dabei nicht um Leistung. Sondern um Achtsamkeit dem eigenen Körper gegenüber und um die Wahrnehmung dessen, was er uns sagt. Jetzt. In diesem Moment. Nur das zählt und nichts sonst.

Unsere Leistungsfähigkeit ist niemals gleich und unterliegt Schwankungen

Denn unser Körper ist niemals gleich. Vor allem der weibliche Körper tickt in jeder Zyklusphase anders und die Leistungskurve verläuft dabei sehr schwankend. Um den Eisprung herum platzen viele junge Frauen vor Energie und könnten Bäume ausreißen. Während oder nach der Blutung jedoch kann eine Neigung zu Krämpfen bestehen; der Körper braucht mehr Ruhe und Wärme, sperrt sich vielleicht sogar gegen dynamische Bewegungen. In der kritischen PMS-Phase sind viele Frauen schlapp oder bekommen leichter Kopfschmerzen – je nach Typ kann Bewegung dann Gold wert sein oder aber schaden.

So kann es sein, dass unsere Beine sich an einem Tag leicht anfühlen und unsere Schritte federn, am nächsten Tag aber scheinen sich Bleigewichte an unseren Fesseln zu befinden. Na und? Dann machen wir eben ein wenig langsamer oder joggen gar nicht. Hauptsache, wir bewegen uns. Selbst fünf bewusste Minuten im Schleichtempo sind besser als gar keine.

Laufen mit Herz und Seele braucht Pausen am Wegesrand

Beim achtsamen Joggen haben wir trotz des Lauschen nach innen die Augen weit offen und nehmen die Welt um uns herum mit der Unschuld eines Kindes wahr. Es ist nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht, ab und zu Halt zu machen und die Schönheiten der Natur in sich aufzunehmen – die Blümchen am Wegesrand, das raschelnde Laub der Bäume, der Duft der feuchten Erde oder das Singen der Vögel über unserem Kopf.

Bei jedem Schritt können wir uns mit Mutter Erde verbinden und spüren, wie sicher sie uns trägt – und wir werden automatisch behutsamer auftreten, was wiederum unsere Gelenke schont. Gleichzeitig können wir unsere Aufmerksamkeit auf die „Schüttelbewegung“ richten, die das rhythmische Laufen uns schenkt.

Im Qi Gong gibt es eine so genannte „Schüttelübung“, mit der verbrauchte, abgestandene Energien durch bestimmte Bewegungen aufgeschüttelt und in der Vorstellung anschließend in die Erde abgegeben werden, wobei frische Energie über einen Punkt oberhalb des Scheitels (Kronenchakra) nachgetankt wird. Diese Übung können wir auf das Joggen übertragen und uns vorstellen, wie wir durch die Bewegung Altes lösen und loslassen, damit die Energie wieder ins Fließen kommt. Bei der anschließenden Dusche können wir dieses Prinzip auch noch einmal visualisieren und letzte Reste sorgsam abspülen.

Beim achtsamen Joggen gehen wir stets liebevoll mit uns um und achten unsere Grenzen, ohne sie zu bewerten. Wenn wir uns vornehmen, eine Steigung komplett hochzulaufen und zwei Schritte vor der Kuppe merken, dass wir uns jetzt quälen müssten, um sie zu überwinden, machen wir eben langsamer. So ist es doch im normalen Leben auch: Manchmal geht uns kurz vor dem Erreichen eines Ziels scheinbar die Puste aus – und wenn wir später zurückblicken, erkennen wir, wie segensreich es war, langsam gemacht oder gar aufgehört zu haben.

Achtsames Genussjoggen ist praktizierte Selbstliebe

Achtsames Joggen steht unter dem Motto: Ich tue mir etwas Gutes. Jetzt. Und nicht: Ich tue etwas, was grässlich anstrengend und mir zuwider ist, damit ich mich danach ein wenig besser fühle. Es steht unter dem Zeichen der Selbstliebe, denn wir achten dabei die Bedürfnisse des Körpers: Bewegung, Innehalten, Anspannung, Entspannung, Aufnehmen, Loslassen … Und wir nähren unsere Seele, indem wir sie mitlaufen lassen und ihr die Schönheiten dieser Welt zeigen.

Wenn ich joggen gehe, erlaube ich mir schon im Vorhinein alles. Zwischendurch eine halbe Stunde Pause zu machen; nach drei Minuten zu beschließen, doch lieber spazieren zu gehen; Blumen zu pflücken; spontan eine andere, kürzere Strecke zu wählen; Fotos am Wegesrand zu machen; den Schlusssprint fünf Meter vor der Haustür zu beenden, obwohl noch Kraft da gewesen wäre.

Es geht nur um eines: Ich führe meinen Körper als meinen besten und treuesten Freund an die frische Luft und schüttle ihn sanft durch – und gleichzeitig nähre ich meine Seele.


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