Tampons: Außen hui, innen pfui? – Der große Stau

Ein persönlicher Denk- und Fühlanstoß zu einem persönlichen Thema

Diesen Beitrag muss ich so persönlich wie möglich schreiben, denn auf keinen Fall möchte ich dabei werten oder gar verurteilen. Deshalb kann ich ihn nicht anders verfassen, als ausschließlich von mir und meinen eigenen Erfahrungen zu erzählen, denn wann immer ich mich dem Thema Weiblichkeit widme, bewege ich mich in einer heilenden Ausrichtung. Ich möchte Tabus auflösen und Mut machen, die uralte Kommunikation mit dem eigenen Körper neu aufzunehmen, fernab von Standards, Modelmaßen und Mainstream-Ansichten.

Wem diese Offenheit in irgendeiner Art und Weise peinlich ist, möge sich fragen, warum er so befangen mit dem monatlichen Geschehnis eines Ortes umgeht, in dessen geborgener, mütterlicher Wärme er die ersten neun Monate seines irdischen Daseins verbracht hat, der ihn zuverlässig ernährt und beschützt hat und ohne den es ihn nicht gäbe. Dieser Ort muss bluten, um empfänglich für neues Leben zu werden. Allein das sollte jeden Monat aufs Neue gefeiert werden. Es kommt einem Wunder gleich, dass unser Organismus diese Meisterleistung von ganz alleine vollbringt – voller Demut, Hingabe und Liebe.

Heute möchte ich über Tampons schreiben. Angeblich ist mit ihnen ja alles möglich. Wir können jeden Tag gleich sein; tanzen, feiern, joggen, bergsteigen, um die Welt reisen. Eigentlich gibt es dann nämlich gar keine Blutung mehr – das ist es, was uns die Werbung suggeriert (die Fortführung davon: der so genannte Langzeitzyklus ohne Blutung durch künstliche Hormone in Form von Pille & Co.).

Genau das hat mich als Jugendliche fasziniert und zugleich bedrückt. In meiner Familie wurde kaum positiv und offen über Weiblichkeit gesprochen, erst recht nicht über Menstruation. Ich war früh aufgeklärt worden, mit Hilfe eines Bilderbuchs, und wusste, was mir eines Tages „blühen“ würde. Ich stellte mich innerlich darauf ein, dass es nicht gerade angenehm werden würde. Aber ich hatte einen eisernen Willen und wusste: Ich würde alles dafür tun, dass man mir diese „Tage“ im Außen nicht anmerken würde. Ich würde kein Sterbenswörtchen darüber verlieren und sie so diskret wie möglich handhaben.

Denn eines hatte ich rasch begriffen: Die besten Mädchen waren jene, die trotz ihrer Tage so funktionierten wie immer. Die sich nicht beklagten, ihren „Kram“ nicht herumliegen ließen, niemanden damit belästigten.

Ich wollte ein tapferes Mädchen sein, dem man seine Blutung nicht anmerkt

Mein Vater war Sportlehrer und hatte sich einige Male zu diesem Thema geäußert. Verächtlich sprach er über die Schülerinnen, die ein Mal im Monat wegen Bauchschmerzen auf der Bank saßen, wohingegen jene Mädchen zu seinen Lieblingen gehörten, die stets die volle Leistung brachten, auch dann, wenn sie ihre Tage hatten. Ich war immer sportbegeistert gewesen und wollte ihnen nacheifern. Mir kam das erstrebenswert vor. Und auf keinen Fall wollte ich mit meinen Eltern über dieses Thema sprechen müssen. Ein tapferes Mädchen machte das mit sich selbst aus.

Und so war es auch. Mein Körper hat es schon immer geliebt, besondere Ereignisse mit einer gediegenen Blutung zu feiern – ob Klassenfahrten, Geburtstage, wichtige Prüfungen, Seminare, Buchmessen, Lesungen, Urlaube. Vor allem Urlaube. Manchmal braucht es eine gute Portion Humor, um sich damit zu arrangieren. Doch inzwischen vertraue ich ihm so weit, dass dies seinen Sinn haben wird, auch wenn es rein körperlich nicht immer ganz so angenehm ist. Jedenfalls setzte meine erste Blutung auf der Fahrt zu einer einwöchigen Musikfreizeit ein. Fernab von Zuhause – vielleicht wäre es anders gar nicht möglich gewesen.

Ich hatte schon vorher oft darüber nachgedacht, ob ich es wohl schaffen würde, Tampons zu benutzen. Binden waren für mich ein schlechter Kompromiss und etwas für „schwache Mädchen“. Aber Tampons schon irgendwie unheimlich … Die Vorstellung, dass etwas über Stunden in meinem Körper blieb, was da eigentlich nicht hingehörte, fand ich beunruhigend, doch mir war klar: Ich musste das irgendwie hinkriegen.

Auf der anderen Seite war jetzt, auf dieser Freizeit, nicht die richtige Zeit für Experimente und ich stellte rasch fest, dass Klopapier nicht ausreichte, um meine Kleidung vor Flecken zu schützen. Ich habe in meinem Leben erst ein einziges Mal gestohlen –Damenbinden. Von meiner Zimmernachbarin, denn der nächste Drogeriemarkt lag kilometerweit entfernt. Ich traute mich außerdem nicht, irgendjemand von meiner Blutung zu erzählen. Ich machte das mit mir selbst aus – die Bauchkrämpfe, das schwammige Gefühl im Kopf, die Schwäche in den Beinen, das ungewohnte Fließen, das ich nicht im geringsten kontrollieren konnte.

Nach drei Tagen war der Spuk vorüber und meine Zimmernachbarin fragte sich vermutlich, warum ich mich heimlich an ihrem Kulturbeutel vergriffen hatte, anstatt sie anzusprechen. Oder sie hatte es gar nicht gemerkt. Zurück zu Hause erzählte ich meinen Eltern nichts. Wozu auch? Ich wusste ja, was da geschehen war.

Tampons waren wie ein Siegeszug gegen den unkontrollierbaren Fluss

Bei der nächsten Blutung kaufte ich mir Tampons und probierte einen aus. Ich war stolz, dass ich „es schaffte“, ihn in meinen jungfräulichen Körper zu zwängen. Auf der Packung stand, man würde ihn nicht spüren, wenn er richtig saß. Okay, da tat nichts weh. Aber ich spürte ihn sehr wohl. Mein Körper schien das Ding nicht sonderlich zu mögen. Da war immer ein seltsamer Druck, manchmal auch ein Stechen, aber hey – ich war sauber und hygienisch einwandfrei. Es floss nichts mehr, wie es gerade wollte, niemand konnte etwas sehen oder riechen. Ich war wie immer. Genau so, wie mein Vater es erwartete und es mir in der Werbung prophezeit wurde.

Auch in den kommenden Jahren mochte ich die Dinger nicht wirklich. Mein gesamter Körper verspannte sich, wenn ich sie nur aus der Folie wickelte, und immer häufiger krampfte mein Unterleib, wenn ich Tampons benutzte. Trotzdem, Binden waren nur eine Alternative, wenn ich nichts vorhatte und allein auf meinem Bett herum lungerte. Oder vielleicht mal nachts. Ich wollte cool, leistungsfähig und sauber sein. Eine junge Frau, der man ihren Zyklus nicht anmerkt. Das war für mich der größte Sieg: Wenn niemand merkte, dass ich meine Blutung hatte, sogar meine Partner nicht. Monat für Monat verleugnete ich mich selbst, schließlich gekrönt durch das Ausschalten des natürlichen Zyklus mit Hilfe der Pille, unterbrochen nur durch Schwangerschaft und Stillen.

Als ich Anfang 40 die Pille verabschiedete, weil es mich immer mehr anwiderte, sie zu schlucken, setzte mein Körper sich durch. Endlich war seine Chance gekommen, wahrhaft weiblich mit mir zu sprechen … spät, doch sie war da. Er akzeptierte keine Tampons mehr und krampfte munter vor sich hin, wenn ich es versuchte – und zeitgleich begann ich, mich achtsam mit meinem natürlichen Zyklus und seinen Eigenwilligkeiten zu beschäftigen. Wir schlossen Frieden miteinander, Schritt für Schritt.

Endlich durfte mein Körper fließen, wenn er fließen wollte, in seiner urweiblichsten Energie. Und mir wurde mit Schrecken bewusst, was ich ihm jahrelang angetan hatte – ich hatte diesen heilsamen Fluss gestaut, obwohl mit dem Blut auch alle Schlacken und Giftstoffe ausgeschieden werden wollen, die sich über den Monat angesammelt haben; durch schlechte Ernährung, Stress, Medikamente und Umwelteinflüsse. Kein Wunder, dass er sich dagegen gewehrt hatte! Er hatte mir nur helfen wollen.

Ich begriff, welch geniales System der Selbstreinigung die Schöpfung entwickelt hatte und wie brutal ich es torpediere, wenn ich einen festen, chemisch behandelten Wattepropfen einführe, in dem sich genau das giftig staut, was der Körper loswerden möchte, und dass ich damit auch auf feinstofflicher Ebene den Fluss meiner Energien blockiere. Das war nur außen hui, innen aber pfui. (Deshalb sind für mich Menstruationstassen übrigens auch keine Alternative – aber auf jeden Fall hygienischer und natürlicher als Tampons)

Nie bin ich mehr im Yin als während meiner Blutung. Das Yin als weibliche Energie ist fließend, dunkel, unberechenbar. Kontrolle hat hier nichts verloren. Weiblichkeit ist zudem nicht statisch, sondern zyklisch. Es ergibt überhaupt keinen Sinn, immer gleich sein und immer die gleiche Leistung erbringen zu wollen. Es ist zwar das, was die Werbung uns vorgaukelt und womit sie uns lockt (und was den meisten Arbeitgebern sicherlich recht wäre) – aber nicht was, was uns als Frauen wahrhaft entspricht.

Ich experimentierte sogar mit freier Blutung, ganz ohne Hygienemaßnahmen, und stellte erstaunt fest, dass mein Körper mir zarte Signale gibt, bevor er ins Fließen kommt, und auch das Fließen selbst zyklisch ist. (Darüber werde ich noch einen Extra-Artikel schreiben – ein spannendes Thema)

Und eines Tages erlebte ich einen Moment, für den ich heute noch dankbar bin: Ich genoss diesen Fluss. Jenes Gefühl, das ich früher beängstigend gefunden hatte und unbedingt hatte kontrollieren wollen, erfüllte mich nun mit tiefem Frieden und stillem Glück. Nie hatte ich mich mehr mit Mutter Erde und ihrem zyklischen Werden und Vergehen verbunden gefühlt. Dankbar legte ich die Hand auf meinen Unterleib, weil er wieder einmal so eigenständig und zuverlässig sein Nest reinigte, ohne dass ich etwas dafür tun musste und unabhängig davon, ob ich noch Kinder kriegen wollte oder nicht, und döste entspannt vor mich hin.

Jeder Körper, jeder Zyklus tickt anders. Es gibt keine wahren weiblichen Standards

Zugegeben: Auch heute gibt es ab und zu noch Situationen, in denen ich mal zu einem Tampon greife, auch wenn sie sehr selten geworden sind. Als mein Körperchen den ersten Tag meines Golf-Platzreifekurses gemäß seiner Tradition mit einer einsetzenden Blutung feiern wollte, sprach ich liebevoll mit ihm und erklärte ihm, dass ich nun für ein paar Stunden den Fluss stauen würde. Alles andere war mir dann doch zu spannend. Ich versprach ihm, dass er den Rest des Tages ruhen und frei fließen dürfe und dankte ihm im Vorhinein für seine Geduld. Und siehe da: keine Krämpfe, kein Druck. Allerdings waren wir beide froh, den Stau anschließend wieder lösen zu dürfen.

Dennoch: Jede Frau ist anders, jeder Körper, jeder Zyklus ist anders. Es gibt kein richtig und kein falsch. Ich selbst bin froh, dass ich irgendwann auf die Sprache meines Körpers gehört habe und meine Blutung heute weder als eklig noch als schmutzig oder gar schwach betrachte. Es ist für mich auch nicht mehr cool, wenn niemand weiß, dass ich blute. Ich bin eine Frau. Ab und zu blute ich. Das ist ein ganz natürliches Wunder, nicht bäh.

Und ich habe meinen Frieden damit gefunden. Du auch?

Alles Liebe,

Kyrala


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