Kreativ, koboldig, kühn: Bist du ein Fantasy-Golfer?

Welch feierlicher Tag, lieber Golf-Freund! Endlich ist es so weit, die Schleier dürfen sich lüften und die Geheim-Loge öffnet ihr bislang eisern verschlossenes Tor: Ich habe die Ehre, dich in die jahrhundertalte, streng geheime Tradition des „Fantasy-Golf“ einzuweihen. 

Die Elfen tanzen, die Kobolde springen, die Feen pusten Glitzer in die Luft – unbändig freuen sie sich, diesen erhabenen Moment mit dir teilen zu dürfen!

Sicherlich bist du schon einige Male unwissentlich mit einem Fantasy-Golfer über den Platz gegangen und hast dich gewundert, was er da so treibt. Nun, fürwahr, du warst Zeuge einer hohen, unfassbar wertvollen Kunst!  

Möglicherweise bist du sogar selbst ein Fantasy-Golfer und hast deine Einweihung bereits vor Jahren in den Tiefen deines Unterbewusstseins erhalten, im Schlaf oder Traume – und wirst vor Erleichterung weinen, wenn du gleich erkennst, dass dein Spiel dem der anderen Golfer niemals unterlegen war, sondern eine Kunstform ist, für die die Welt – und schon gar nicht die Welt des Golfsports – bisher nicht bereit war. 

Woran erkennt man einen Fantasy-Golfer, magst du dich nun fragen? 

Fantasy-Golfer sind recht leicht zu erkennen, sobald man um ihre Geheimnisse weiß, und man wird sie nach dieser Offenbarung mit völlig neuen Augen betrachten; ja, bei ihrem Anblick Ehrfurcht, Respekt und tiefe Demut empfinden. Doch sie mussten in den vergangenen Jahrhunderten eine nahezu perfekte Tarnung entwickeln, um nicht entlarvt zu werden, denn noch waren die Naturwesen der Golfplätze nicht bereit gewesen, die Geheimwissenschaft des Fantasy-Golfes mit den Normal-Golfern zu teilen. 

Fantasy-Golfer wirken daher oft mürrisch und unzufrieden. Sie schimpfen laut über ihre Schläge, werfen manchmal sogar die Eisen von sich, und eine ihrer ausgeklügelten Spezialdisziplinen der Tarnung ist das öffentliche Jammern. Sie wirken immer leicht schwächlich und zweifelnd, vor allem zweifelnd an sich selbst, sodass niemand auf die Idee kommen würde, dass das, was sie tun, eine hochgradig komplexe Geheimkunst ist und kein Versagen. 

Hier leben mit Sicherheit einige Dunkelwichte, die bereits sehnsüchtig auf ihr Ballgeschenk warten.

Fantasy-Golfer nehmen nur sporadisch an Turnieren teil, in der Regel mit mäßigem bis gar keinem Erfolg. Auch dies ist reine Tarnung, ebenso wie ihre das Turnier begleitende latent depressive Stimmung. Sie gehen zwar häufig zum Training, doch sie haben die seltene Fähigkeit entwickelt, alles Erlernte sofort wieder zu vergessen – spätestens am ersten Abschlag haben sie das akribisch eingespeicherte Wissen mit schier unvorstellbarer Willenskraft für immer gelöscht. Nur so können sie ihren Platz in der Loge der Fantasy-Golfer bewahren. 

Natürlich müssen Fantasy-Golfer auch hin und wieder Schläge vollführen, wie sie im normalen Golf erwünscht und erstrebenswert sind. Doch meistens können sie nicht darüber lachen; erst recht nicht brüsten sie sich damit. Das liegt daran, dass es nicht ihre Herzensschläge sind. In diesen Fällen ist ihnen die Tarnung ein Leichtes. Allein deshalb haben Fantasy-Golfer auch jene Schläge erlernt, die für den normalen Golfsport als Erfolge gelten. Sie verfügen also über doppeltes Können – und nicht etwa über zu wenig Können, wie manch einer fälschlich denken mag. 

Fantasy-Golfer erkennst du auch daran, dass sie nur selten das Fairway treffen und die meiste Zeit des Spiels abseits vom Fairway verbringen. Nichts langweilt einen Fantasy-Golfer mehr als kurz gemähtes Grün. Ihr Herz lacht, wenn sie im dichten Gras und Gestrüpp nach ihren Bällen suchen müssen. Mit Leichtigkeit zielen sie in Baumkronen, lassen ihre Bälle spielerisch gegen Baumstämme prallen, versenken sie in sumpfigen Gräben oder überlassen sie in aberwitzigen Pirouetten dem Wasser. Warum dies so ist, wirst du gleich erfahren, wenn ich dir die bislang geheimen Regeln des Fantasy-Golf nenne. 

Fantasy-Golfer wissen: Der Ball muss hier liegen bleiben, im hohen Gras. Das Fairway ist tabu.

Fantasy-Golfer legen wenig bis gar keinen Wert auf technisches Equipment. Besitzen sie beispielweise eine Entfernungsmesser-Uhr, lassen sie diese fast immer „versehentlich“ zu Hause liegen und tragen sie nur hin und wieder zur Tarnung. Wenn sie sie doch ablesen und dann einen ganz anderen Schlag vollführen, als die Uhr (oder ein Mitspieler) es ihnen geraten hat, ist dies pure Absicht. Oft schlagen sie auch durchweg mit nur ein bis zwei Eisen, meiden ihren Driver und wirken beim Putten leicht gelangweilt. Alles andere würde ihre Performance nur gefährden und die Naturwesen des Golfplatzes traurig stimmen. 

Ein weiteres Merkmal des Fantasy-Golfers ist seine Liebe für bunte Bälle. Fast nie benutzt er weiße Bälle. Spielt er vorzugsweise mit pastellfarbenen Bällen, hat er in der Regel eine besondere Affinität zu Elfen und Feen. Bälle in Neonfarben sind eher den Kobolden, Trollen und Erdbewohnern zugeordnet. Die Wasserwesen lieben alle Ballfarben. Nur weiße akzeptieren sie nicht. 

Dein Flightpartner spielt auffällig oft mit bunten Bällen? Dann könnte es ein Fantasy-Golfer sein.

Fantasy-Golfer sind nicht an weiten, geraden Abschlägen interessiert. Sie zwingen sich daher meistens zu maximal einem geradlinigen Abschlag pro 9-Loch-Runde. Allerdings tun sie so, als würden sie ihre Mitspieler um deren lange Abschläge beneiden und geben vor, dies auch erreichen zu wollen. (Wenn du schon einmal mit einem Menschen gespielt hast, der an den Abschlägen zwei bis drei Mal hintereinander in einen Sumpf, in dichtes Gestrüpp oder nach rechts oder links in den Wald geschlagen hat, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es sich um ein Mitglied der Fantasy-Golf-Loge handelte. Du darfst dich also geehrt fühlen, Zeuge seiner ausgeklügelten Bewegungskunst gewesen zu sein)

Die Regeln des Fantasy-Golf kurz und bündig erklärt: 

  • Versuche, direkte Schläge auf das Fairway unbedingt zu vermeiden. Die Naturwesen halten sich dort nur selten auf und du missachtest die Bedürfnisse jener Elfen, Trolle, Kobolde und Feen, die in nächster Nähe des Abschlags leben. Deshalb sind am Tee koboldige Seitwärtsschläge von höchstens drei bis vier Meter Länge ideal. 
  • Pro 9-Loch-Runde gilt es, mindestens drei bunte Bälle den Naturwesen zu opfern. Sprich: Sie dürfen nicht wiedergefunden und auf keinen Fall den Naturwesen weggenommen werden! Besser ist es, wenn du ihnen vier oder fünf Bälle opferst – und dies möglichst kreativ. 
  • Pro Runde muss mindestens ein Ball den Wasserwesen überlassen werden. Am besten in einem hohen Bogen, damit auch die Undinen am Grund des Teiches sie beim Eintauchen sehen können.
  • Vergiss niemals deine besten Freunde, die Bäume. Sie wollen mitspielen. Versuche also, ein bis zwei Schläge direkt gegen einen Stamm zu setzen, und zwar idealerweise so, dass der Ball anschließend HINTER dir liegen bleibt. Bedenke: Dabei vom eigenen Ball getroffen zu werden, ist ein Liebesgruß des Baumes. Da Bäume über unbändige Kraft verfügen, kann dies auch mal zu blauen Flecken führen. Das Jammern wird dir dadurch leichter fallen.
  • Denke unbedingt daran, den Sandkobolden pro Runde mindestens einen Besuch abzustatten. Sie leben unter den hohen Kanten der Bunker und freuen sich diebisch, wenn sie Besuch von bunten Bällen bekommen. Versuche deshalb, die Zeit im Bunker möglichst lang auszudehnen. Drei bis vier Schläge pro Bunker sind optimal. Sehr erfahrene Fantasy-Golfer schaffen es, die Bälle im Bunker mehrfach direkt unter die Kante zu platzieren.
  • Freue dich in Gegenwart deiner Mitspieler auf keinen Fall zu viel! Es könnte sie irritieren oder sogar aus dem Takt bringen. Spare dir das Lachen für jene Momente auf, in denen du im Gebüsch herumkriechst und nach deinen Bällen suchst, und tu es nur, wenn du deinen Mitspielern den Rücken zuwendest. 
  • Iss und trink auf der Runde so wenig wie möglich. Die Dehydrierung und daraus resultierende körperliche Schwäche schärft deine Wahrnehmung und du wirst leichter erkennen, wo abseits des Fairways Naturwesen sehnsüchtig auf deine Bälle warten. Vergiss nie, dass sie den Raum des Golfplatzes einst für die Menschen freigegeben haben und dafür regelmäßig belohnt werden müssen. Dafür lohnt es sich, abends mit Wadenkrämpfen und Kopfschmerzen auf der Couch zu liegen. Lehne also Essensangebote deiner Mitspieler strikt ab.
  • Übe regelmäßig das öffentliche Jammern. Auch, wenn mit diesen Zeilen die ersten Schleier der Geheimloge des Fantasy-Golf gelüftet wurden, sind viele Normalgolfer noch nicht bereit, zu erkennen, dass eine Golfkunst existiert, die der ihren weit überlegen ist. Jammere also bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Übe Sätze ein wie: „Oh Gott, ich kann nicht mehr.“ „Ich habe Hunger und friere.“ „Ich will nicht mehr, ich muss Pippi und mir ist kalt.“ „Ich schaffe das doch nie, ein Handicap zu bekommen, das ist illusorisch …“ „Ich will auf der Stelle sterben“, „Das hat doch alles keinen Sinn“, „Ich glaube, ich höre mit dem Golfen auf.“
Nur für den Fantasy-Golfer sichtbar: Der Dankesgruß der im Bunker lebenden Sandkobolde.

Geneigter Leser, nun bist du in die außerordentliche Kunst des Fantasy-Golfen eingeweiht worden und ahnst wahrscheinlich, dass das normale Golfen lediglich eine gängige, leicht zu spielende Variante für jene Menschen ist, denen es an Wahrnehmung und Hellsichtigkeit mangelt und deren Leben sich größtenteils um Punkte und Tabellen dreht. 

Vielleicht hast du auch mit einem tiefen Gefühl der Erlösung bemerkt, dass du selbst ein Fantasy-Golfer bist. Ja, freue dich, sei stolz auf das, was du kannst! Aber schaue bitte nicht überheblich auf die Normalgolfer herab. Auch sie lieben diesen Sport und auch sie wollen einfach nur eine nette, gesellige Runde spielen.

Deshalb triff dich unbedingt auch weiterhin mit ihnen, bis sie eines Tages dazu bereit sind, sich auf deine ausgeklügelte Kunstform des Golfens einzulassen. 

Habe Spaß, auch wenn du zwecks Tarnung jammern musst. 

Denn ob Fantasy-Golf oder die Jagd nach Stableford-Punkten: Es ist und bleibt der großartigste Sport der Welt!

P.S. Übrigens: Ich bin eine Fantasy-Golferin. Lust auf eine gemeinsame Runde? 🙂


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