„Schau nach innen!“ (Nina Kay, Autorin)

In meiner neuen Interviewreihe „SchreibSchwestern“ erzählen Herz & Seelen-Autorinnen von den Geburten ihrer Buchbabys und auch darüber, was sich dabei ihn ihnen getan und gezeigt hat. Ich freue mich, dass die Autorin Nina Kay uns einen Einblick ihn ihre Art des Schreibens und und ihre Erkenntnisse über das Geschichtenerzählen gewährt. Dabei darf natürlich ihr neuer Roman „Some say we won’t“ nicht fehlen.

Bettina Kyrala Belitz: Liebe Nina, danke, dass du dir Zeit nimmst, in meine Fragen hineinzuspüren! Ich vergleiche das Bücherschreiben ja gerne mit Schwangerschaften. Man empfängt eine Idee, geht eine Zeitlang mit ihr schwanger und gebärt sie schließlich. Meine Hebamme verriet mir bei der Geburt meines Sohnes, dass bei jeder werdenden Mama irgendwann der Punkt kommt, an dem sie sagt: „Nein, das kann ich nicht, ich schaffe das nicht, das ist zu viel für mich. Das Baby bleibt drin.“ Hattest du einen solchen Moment beim Schreiben deiner Romane auch? Oder gab es andere „Geburtsschmerzen“?

Nina Kay: Nein, sowas habe ich generell nicht. Ich plotte sehr lange im Voraus, um meine Protagonisten so gut wie möglich kennenzulernen und ihnen zuschauen zu können bei dem, was sie so tun. Geschichten entstehen bei mir durch sehr bewusstes Hinschauen. Manchmal ist es schmerzhaft, klar, vor allem, weil ich grundsätzlich und mit voller Absicht in die tiefsten Abgründe blicke(n darf). Aber es muss rauserzählt werden, egal, wie schwer der Weg bis zum Ende dieses Erzählausschnitts ist. 

Bettina Kyrala Belitz: Kennst du auch die postnatale Depression nach dem Beenden eines Buches? Oder platzt du vor Stolz und willst das Baby sofort der ganzen Welt zeigen? Wie erging es dir, als dein neuestes Buch (druck)fertig war? 

Nina Kay: Ab und an, ja, vor allem früher, aber seit ich speziell queer schreibe, löst die nächste Geschichte die Beendete ganz nebenbei ab. Ich beginne ca. auf der Hälfte oder dem letzten Drittel des aktuellen Manuskripts mit dem gedanklichen Plotten des Nächsten, sodass ich nie ohne eine Hand dastehe, nach der ich greifen kann. 

Bettina Kyrala Belitz: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich beim Bücherschreiben innerlich reife. Die Bücher sind wie eine Zäsur in meinem Leben; danach beginnt etwas Neues. Was hat dein Roman „All The Fucks We Give“ mit dir angestellt? Hast du dabei neue Erkenntnisse über dich selbst gewinnen können und wenn ja, magst du eine oder zwei mit uns teilen?

Nina Kay: Wir müssen hier, glaube ich, nicht nur vom Titel, sondern vom gesamten Genrewechsel sprechen, den ich bei mir vor über einem Jahr vorgenommen habe, denn seitdem hat sich etwas in meinem Kopf getan, das ich bis heute nur ehrfürchtig bewundern und anstarren kann. 

Als ich im April 2019, pünktlich zu meinem Uniabschluss, der gleichzeitig auch einen Neuanfang bedeutete, anfing, „All The Fucks We Give“ (mein queeres Debüt) zu schreiben, war ich wie im Rausch. Die Aufhebung von Geschlechterstereotypen durch zwei männliche, junge Protagonisten war eine Erkenntnis, die ich in all den Geschichten davor nie hatte. Mit Frauenfiguren als main character (und dazu kommen wir ja weiter unten gleich 😉 ) hatte ich nämlich immer meine Schwierigkeiten. 

Dass ich mich zwei (schwulen) Männern auf einer Ebene nähern kann, die keinerlei Identifikation mit der weiblichen love interest bietet, keinen unterbewussten Neid, kein Abklopfen von stereotypen Verhaltensweisen lässt mich sehr, sehr frei schreiben und das sehen, was wichtig ist: Emotionen, Charaktereigenschaften, Reaktionen, Konflikte, Höhen und Tiefen. 

Dieser Prozess, das Begreifen, war wie eine plötzlich nicht mehr verschlossene Tür in meinem Kopf, und ich liebe es jeden Tag wieder, einfach hindurchgehen zu können und die beste Version jeder Geschichte erzählen zu dürfen.

Bettina Kyrala Belitz: Stell dir vor, eine lieb gewonnene Freundin von dir steckt in einer massiven Schreibkrise fest und weiß nicht mehr weiter. Wie würdest du sie unterstützen? Was würdest du ihr raten? 

Nina Kay: Oh, da gebe ich tatsächlich öfter mal Tipps  Eine sehr enge und versierte Autorenfreundin sagte mir einmal, als ich selbst feststeckte: Generiere den Konflikt (und darum geht es ja in Gecshichten – ob innere oder äußere Konflikte) nicht von außen, sondern von innen. Schau auf deine Charaktere, zieh es aus ihnen heraus. Wenn also eine Krise vorherrscht, frage ich immer zuerst: Hakt es an etwas Äußerem? Wenn ja: Schau nach innen. Wenn es von innen hakt: Schau genauer hin. Frag deine Protagonisten stumm und gezielt, warum sie gerade nichts machen wollen, warum sie so handeln, und zeig ihnen Möglichkeiten auf, etwas anderes zu tun. 

Bettina Kyrala Belitz: Kennst du das Phänomen, dass man sich während des Schreibens eines Romans den Protagonisten oder einem Protagonisten näher fühlt als den realen Menschen in seinem Leben? Falls ja, wie gehst du damit um? 

Nina Kay: Absolut, ja! Ich bin ja ohnehin davon überzeugt, dass es diese Menschen genau so irgendwo auf der Welt gibt. Mit meinen Figuren teile ich alles. Intime Momente, wo ich mir manchmal wirklich wie ein Voyeur vorkomme, ich weine mit ihnen, ich fürchte mit ihnen, ich freue mich, wenn sie glücklich sind oder werden. Dieses intensive Gefühlserlebnis (und die habe ich ohnehin schon mein Leben lang) ist das Allerbeste am Schreiben. Protagonisten und Autor/in sollten eine Symbiose bilden, die ohne das andere nicht kann.

Bettina Kyrala Belitz: Hat dein (neuester) Roman „Some Say We Won’t“  eine bestimmte Botschaft – und wie könnte sie die Welt verändern?

Nina Kay: Mein queerer Roman „Some Say We Won’t“, der am 30. Oktober erscheint, ist vielleicht das Tiefpersönlichste, was ich je geschrieben habe. Ich will nicht zu viel verraten, aber in dieser Geschichte habe ich bewusst mit Grenzüberschreitungen gearbeitet und dennoch kein Label draufgesetzt. Beide Themen, die ich dort aufgreife, sind von massiven Vorurteilen geprägt und vielen Menschen gar nicht bewusst, dabei geht es jeden etwas an, geschlechtsunabhängig. Was meinen beiden Männern dort passiert, ist genau das, was ich aufbreche: Sie werden gelabelt. Ihr Problem wird benannt, es wird mit dem Finger drauf gezeigt und ein Urteil gefällt. Ich habe große Angst vor den unbedachten Meinungen, die zwangsläufig eintrudeln werden, aber vor allem meinem sehr besonderen Protagonisten Maël fühle ich mich so nah, dass ich sagen kann: Ich weiß, wovon ich da schreibe.

Bettina Kyrala Belitz: Ein Reisender aus einer anderen Galaxie besucht dich. Auf seinem Planeten gibt es weder männlich noch weiblich, geschweige denn Körper zum Anfassen. Der Reisende möchte aber unbedingt von dir wissen, was für dich das Schönste daran ist, eine Frau zu sein, und wie sich dieses „Schönste“ für dich anfühlt. Was würdest du ihm antworten? 

Nina Kay: Ich kann diese Frage nicht wirklich beantworten, da ich mich nicht über mein Geschlecht definiere und das auch nie getan habe. Ich bin sehr frei erzogen worden und durfte, unabhängig von gesellschaftlich konstruierten Vorgaben, alles tun, was ich gerne tun wollte. Als Kind liebte ich Matchboxautos und Trecker. Als Teenager liebte ich Anime und Mangas und Computer. Als erwachsener Mensch liebe ich es, ich selbst sein zu dürfen. Ich würde also antworten, dass es egal ist, welches Geschlecht man hat, und ich das nicht in meine Wertung meiner selbst mit einbeziehe. Männer wie Frauen dürfen alles, was ihnen und anderen gut tut, machen. Männer dürfen weinen, Frauen dürfen regieren, Männer dürfen dominant sein, Frauen devot, jeder darf jeden lieben, der auf Augenhöhe zurücklieben kann. Wenn sich unsere Gesellschaft endlich von den selbstauferlegten Fesseln von Geschlecht (und damit meine ich gender, nicht sex) befreien würde, wäre die Welt eine völlig andere. Vielleicht sogar ein ganz anderer Stern 😉

Bettina Kyrala Belitz: Liebe Nina, gibt es noch etwas, was du der Welt mitteilen möchtest? Es muss nicht zwingend etwas mit deinen Büchern zu tun haben! 

Nina Kay: Liebe AutorInnen: nehmt euer Handwerk ernst. Lernt jeden Tag dazu, hinterfragt euch und eure Geschichten kritisch. Holt das Allerbeste aus euch und ihnen heraus, werft nichts übereilt auf den Markt. Verheizt euch nicht, überschätzt euch nicht, und vor allem: 

Seid nett zueinander. 

Um eine meiner allerliebsten Serien, Skam, zu zitieren: „Everyone you meet is fighting a battle you know nothing about. Be kind. Always.“

Bettina Kyrala Belitz: Wo können wir dich und deine Bücher im Internet finden? Und was genau bietest du im kreativen Bereich an? 

Nina Kay: Ihr könnt mich nicht nur in jedem gängigen Online-Shop, sondern auch in einigen Buchhandlungen, speziell Thalia-Filialen, finden (worauf ich als SelfPublisherin unglaublich stolz bin). Auf meinem Instagram-Kanal (@ninakayos) erfahrt ihr Updates und könnt gleichzeitig an meiner Leidenschaft für (Buch)Design teilhaben, da ich auch all meine Cover und den Buchsatz in Eigenregie erstelle. Dafür ist diese Plattform am besten von allen geeignet (und die Community ist wirklich großartig).


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