Ein anderes Land

Ein anderes Land – Das Tagebuch des Jochen König (Ebook)

Jochen ist knapp 15 Jahre alt und der Meinung, sein Leben könnte langsam anfangen, interessant zu werden.
Als er beginnt, Tagebuch zu führen, ahnt er allerdings noch nicht, welch intensive Veränderungen tatsächlich auf ihn zurollen und dabei einen Sog entwickeln, der ihn manches Mal mitzureißen droht.

Schließlich ist er gezwungen, sich zu fragen, welche Rolle nun wirklich zu ihm passt: die des coolen Mitläufers oder die des nachdenklichen, sensiblen Einzelgängers. Dabei helfen ihm nicht nur seine eigenen Fehltritte, sondern auch seine große Schwester Bine und die eigensinnige Außenseiterin Gina aus seiner Parallelklasse auf die Sprünge, bis Jochen gezwungen ist, alles loszulassen, was ihm bisher wichtig gewesen ist …

Ein anderes Land, Ebook only, 230 Seiten, 5.- Euro

Den Tagebuch-Roman „Ein anderes Land“ habe ich im Alter von 16 Jahren begonnen (1989) und mit 18 Jahren beendet (1991). Damals durfte ich nur während der Schulferien schreiben und deshalb dauert es immer ein Weilchen, bis ein Manuskript fertig war. 

Kein Verlag hat sich je für „Ein anderes Land“ interessiert, da die Geschichte in den 80er Jahren spielt, aus der Sicht eines Jungen erzählt wird und in Tagebuchform gehalten ist. Ich habe „Ein anderes Land“ für dieses Ebook bewusst inhaltlich nicht lektoriert und ihm nur ein sanftes Textlektorat gegönnt. Ich wollte, dass es möglichst authentisch bleibt.

Die Story dümpelt anfangs gemächlich vor sich hin – eben genau so wie das ganz normale Leben. Doch nach und nach entsteht ein Sog, der auch den Helden mit sich reißt und ihn vor so manche Prüfung stellt. Dieses Buch ist sicherlich nicht perfekt.

Mir war es jedoch ein Bedürfnis, mal einen echten „jugendlichen Belitz“ mit meine Lesern zu teilen, zumal mir dieser Roman sehr am Herzen liegt. Deshalb ist der Preis von auf dem Buchmarkt ungewöhnlichen glatten 5.- Euro auch eher als eine „Schutzgebühr“ zu verstehen – und „Ein anderes Land“ gibt es nur auf meiner Website zu kaufen. Als besonderes Buchbaby braucht es das Mutterschiff als festes Zuhause.

Ich wünsche dir viel Freude damit!

Leseprobe

Samstag, 11. November 1989

Nach dem Kompaktdonnerwetter Suff/Zigaretten, bei dem ich sie einfach schreien ließ, bis ihnen nichts mehr einfiel, durfte ich natürlich nicht in die Stadt. Als ob mich das vom Rauchen abhalten würde …

Ich ging gestern einfach heimlich ins Break. Das war einfacher, als ich gedacht hatte. Meine Eltern bemerkten nichts, da sie schon schliefen, und ich konnte so lange bleiben, wie ich wollte. Doch ausgerechnet gestern – das muss die Ironie des Schicksals sein – lief der Abend für mich absolut beschissen, obwohl ich dafür keine Erklärung finden kann. Das Break war knallvoll, die Musik 1a, meine Leute waren allesamt versammelt und in bester Stimmung.

Nur mich zog es immer weiter runter. Ich wurde ganz taub innerlich, gefühllos wie ein Stein, und je mehr ich in diese Gleichgültigkeit allem gegenüber hineinrutschte, desto unmöglicher wurde es, wieder herauszukommen. Dabei wollte ich das so sehr! Aber es ging nicht. Als säße ich in einem unsichtbaren Glaskubus. Ich wollte so sein wie die anderen, die den Abend genießen konnten, ohne nachzudenken. Am Schluss wurde es so schlimm, dass mich die lachenden Gesichter der Leute um mich herum aggressiv machten. Ich glaube, nur eine dumme Bemerkung hätte mir genügt, um eine Schlägerei anzufangen.

„Geh heim“, sagte ich mir ständig. „Geh doch heim!“ Irgendwann gehorchten meine Beine. Mir war schwindlig, weil ich zwei geschlagene Stunden wie versteinert auf dem siffigen Boden gesessen hatte. Um zum Ausgang zu kommen, musste ich über die Tanzfläche laufen.

„When someone told me yesterday …“ Police. Diesen Song mochte ich doch so gerne. Warum heute nicht, warum jetzt nicht? „So lonely, so lonely, so lonely …“ Schweißnasse Haarsträhnen klatschten mir ins Gesicht; jemand rempelte mich beim Tanzen an. Mir war die Berührung zuwider.
Überall exstatisch-dümmliche Gesichter, die stumm den Text mitsangen. Ich hasste sie alle, denn ich gehörte nicht dazu. Stand daneben. 

Noch nie war mir der Weg nach draußen so lange vorgekommen. Auf der Treppe knutschten Bobby und Claudia. Seine Hand streichelte dabei ihren Hintern. Ob er mit ihr schläft? Warum dachte ich jetzt an so was?

Die plötzliche Stille der nächtlichen Stadt erschlug mich fast. Gierig atmete ich ein. Endlich bekam ich wieder richtig Luft. Es war eiskalt und neblig. Aus den Kanaldeckeln stieg die warme Luft in Schwaden auf. Ich hatte meinen Schal unten vergessen, aber das war mir egal. 

Langsam lief ich die schmale Gasse hoch. Das Hallen meiner Schritte schmerzte in meinen Ohren. Noch immer fühlte ich mich wie in Panzerglas gezwängt. Und gleichzeitig nahm ich alles wahr, jedes leiseste Geräusch, das leise Klacken der Straßenlampe und die gedämpfte Musik, die aus einem Fenster nach draußen drang.

Am Ende der Gasse stand jemand, an die Hauswand gelehnt. Ich stockte und zweifelte, ob überhaupt noch irgendetwas echt von dem war, was mit mir geschah. Jetzt drehte die Gestalt ihren Kopf zu mir. Als hätte sie auf mich gewartet.

Es war Gina. Ich lief wie an einem unsichtbaren Band gezogen direkt auf sie zu und an ihr vorbei und es gab keinen Zweifel – sie war es. So stolz und stur trägt nur eine ihren Kopf. Was machte sie hier nur um diese Zeit? Und so alleine? 

Nichts stimmte mehr. Es war wie in einem Traum. Ich schlurfte an ihr vorbei, wir beide sagten nichts, schauten uns nur an; ich musste scheußlich aussehen. Ich spürte genau, wie verkrampft mein Mund war und wie tot meine Augen sie anblickten. Sie sagte ausnahmsweise nichts. Gar nichts. 

Vielleicht hatte sie sogar Angst vor mir. Angst. Vor mir …

Nach ein paar Metern blickte ich mich noch einmal um. Sie war nicht mehr da.

Zu Hause brauchte ich Stunden, um warm zu werden. Es war eine Kälte, die von innen kam, nicht von außen. Schlotternd lag ich im Bett und bekam das Bild von Gina einfach nicht mehr aus dem Kopf.

Was ist nur los mit mir? 


Weitersagen: