Warum tut es so weh, belogen zu werden?

Im Moment schwingen die Themen Unwahrheit, Verschweigen, Verleugnen, Ausweichen extrem stark in der Welt. Viele Menschen fühlen sich belogen; andere klammern panisch an vermeintliche Wahrheiten oder versuchen andere mit der einen Wahrheit (oder Lüge?) zu bekehren.

Den intensivsten Schmerz jedoch entfaltet die Lüge im privaten Miteinander. Nichts schmerzt stärker, als zu erkennen, dass ein geliebter Mensch die Wahrheit verschwieg, obwohl man ihn oder andere direkt danach gefragt hat.

Derartige Erkenntnismomente verstören und können bis tief in die körperliche Ebene wirken. Schlagartig möchte der Bauch keine Nahrung mehr annehmen, das Herz schmerzt, wir können nicht mehr tief und ruhig atmen.

„Alles Leid beginnt mit einer Lüge“, habe ich heute hier auf Facebook gelesen – und mich gefragt, ob das wirklich stimmt. Beginnt nicht viel eher das ENDE des Leids mit einer Lüge, oder, genauer gesagt: mit dem Erkennen der Unwahrheit – und damit auch mit dem Erkennen der inneren Wahrheit?

Anfang zwanzig hatte ich den Verdacht – das berühmte Bauchgefühl -, dass mein damaliger Freund harte Drogen konsumiert. Ich fand keine Beweise dafür, auch sein Verhalten war die meiste Zeit normal. Wenn ich ihn drauf ansprach, stritt er alles ab, und das sehr plausibel und überzeugend. Trotzdem ließ mich das Bauchgefühl nicht los – irgendetwas WAR da doch …

Schließlich sprach ich eines Abends einen Bandkollegen und sehr nahestehenden Menschen darauf an; im Vertrauen, dass er mir die Wahrheit sagen würde. Die Antwort kam schnell und unmissverständlich: „Nein, mach dir keine Sorgen, da ist nichts.“

Monate später spielte das Leben mir einen Hinweis vor die Füße, der so klar war, dass ich frühmorgens die WG seiner Freunde stürmte – ihn konnte ich nicht finden – und ihnen das Messer auf die Brust setzte.
In der Energie, in der ich mich in diesem Moment befand – als Lichtwesen wirbelte ich vermutlich mit fünf Schwertern gleichzeitig herum – , gab es für sie kein Ausweichen mehr. Ich glaube, ich habe die Jungs ordentlich erschreckt. Aber nach wenigen Minuten war die Wahrheit am Licht – und sie war weitaus dramatischer, als ich gehofft hatte.

Es war genau das geschehen, was ich die ganze Zeit geahnt, gefühlt, gespürt hatte. Mein Bauchgefühl war immer zutreffend gewesen, ohne einen einzigen Beweis. Den brauchte es gar nicht. Beweise braucht nur unser Verstand.
Nur Stunden später hatte ich mich von meinem Freund getrennt. Drogen und Lügen waren für mich immer tabu gewesen. Beides zusammen machte mir die Entscheidung leicht, auch wenn sie extrem schmerzhaft war. Mein Leben wurde einfacher, aber die Wunde brannte und wollte lange nicht heilen.
All die Lügen saßen tief unter meiner Haut und ließen mir über Monate keine Ruhe, bis ich schließlich schwer krank wurde.

„The wound is where light enters“ lautet eine Weisheit des persischen Mystikers Rumi, die ich sehr schätze und mir in schweren Zeiten Trost schenkt. Schmerz birgt Heilungschancen und ist immer eine Entwicklungschance. Wir erkennen am Schmerz, dass etwas nicht stimmt und in eine andere Richtung geleitet werden möchte – und das hat mehr mit uns selbst zu tun als mit dem anderen.

Denn ICH war diejenige gewesen, die mich selbst am allermeisten angelogen hatte. Ich hatte so sehr gehofft, dass mein Freund keine Drogen nimmt und mich nicht belügt, dass ich bereit war, mein Bauchgefühl zu ignorieren. Ich musste sogar andere Menschen fragen, um Ruhe zu finden – Menschen, von denen ich hätte wissen müssen, dass sie ihn decken, obwohl sie auch mir nahestanden.
Ich war erst am Tag der Trennung wahrhaft bereit, zu erkennen – und diese Erkenntnis galt vor allem mir selbst. Ich hatte meine eigene, innere Wahrheit nicht sehen und ihr nicht trauen wollen.

Oft wissen wir im tiefsten Inneren ganz genau, ob jemand uns gegenüber ausweicht, lügt, abmildert, abstreitet, die Wahrheit frisiert, um heil davon zu kommen oder in sich selbst einem Thema aus dem Weg zu gehen, mit dem er nicht im Reinen ist. Den anderen deshalb zu verurteilen, bringt uns allerdings nicht weiter. Denn dadurch werden wir zum hilflosen Opfer.

Die Lügen meines damaligen Freundes galten vor allem ihm selbst.
Mein Leugnen meiner Wahrnehmung galt vor allem mir selbst – und auch die damit verbundene Angst, nicht ertragen zu können, was ich in ihr erkannte.

Lügen können Chancen sein. Nicht obwohl, sondern weil sie wehtun. Sie bergen einen Schmerz, der so machtvoll ist, dass wir ihm nicht ausweichen können.
So schlummert letztlich in der Lüge selbst der Keim der Wahrheit – und zerstreuen wir die dunklen Nebel des Leugnens, können wir sie ans Licht holen und uns selbst darin erkennen, mit all unseren Ängsten, Hoffnungen und Befürchtungen.

Wir können durch den Schmerz lernen, auf unsere innere Stimme zu vertrauen, ohne dass wir dafür Beweise im Außen brauchen.
Unser Bauchgefühl ist uns dann genug.

Wir müssen nicht mehr dem anderen trauen und vertrauen, weil wir uns selbst vertrauen.

Wir werden frei.

Bis dahin … tut es weh.


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