Aqua Mystica

Für Vicky geht ein lang gehegter Traum in Erfüllung, als ihr Onkel Till sie zum Tauchen in einer Unterwasserhöhle, eine sogenannten Cenote, mit nach Mexiko nimmt. Zwar weiß sie, dass in der Tiefe auch unbekannte Gefahren lauern können, doch schon beim Schnorcheln verfällt sie dem Zauber der Unterwasserwelt. Als Till bei einem Tauchgang von einem mysteriösen Wasserwesen verletzt wird, kann Vicky es zunächst nicht glauben: Wer oder was verteidigt hier sein Reich gegen die menschlichen Eindringlinge?

Bei einem heimlichen Tauchgang sieht Vicky sich plötzlich einem geheimnisvollen Wesen, halb Mann, halb Fisch, gegenüber. Obwohl sie instinktiv spürt, dass von diesem Wesen auch Gefahr ausgehen kann, fühlt Vicky gleichzeitig eine magische Anziehungskraft zwischen ihnen.

Aqua Mystica erscheint am 4. September 2020 im Edel Verlag

Leseprobe aus „Aqua Mystica“:

In dem Moment, in dem ich mich vorbeugte und nach unten schaute, zuckte wieder ein Blitz über den Dschungel und beleuchtete für einen Sekundenbruchteil die schwarze, glatte Oberfläche der Cenote. Sofort schlug mein Herz höher und ein sehnsüchtiges Seufzen kam über meine Lippen, das sich beinahe anhörte wie ein Blubbern. 

Plötzlich erschien mir das Camp kilometerweit entfernt zu sein. Till und Sandra und die Männer spielten ab jetzt keine Rolle mehr, nicht für mich und für mein Leben – und auch nicht für das, was in dieser Nacht geschehen würde. Mit schlafwandlerischer Sicherheit bewältigte ich den steilen Abstieg, ohne mich ein einziges Mal an einem der Seile festhalten zu müssen. Meine nackten Füße spürte ich kaum mehr, und doch brachten sie mich zuverlässig nach unten und drohten nie zu rutschen oder zu straucheln.

Als ich die Plattform erreicht hatte, versuchte ich meine Zehen zu spreizen, weil ich das Gefühl hatte, sie seien eingeschlafen, doch sie sperrten sich unwillig dagegen. Vermutlich waren meine Füße es einfach nicht gewöhnt, barfuß zu laufen. Trotzdem genoss ich dieses freie, unbeschwerte Gefühl und atmete erlöst auf, als ich mich auf den glatten Holzplanken niederließ, die Beine rechts zur Seite angewinkelt und mein Gewicht auf die linke Hand gestützt, sodass meine Haare lang herunterfielen und mit ihren lockigen Spitzen meine Finger streiften. 

Verzückt lauschte ich dem zarten Flattern der Fledermäuse und Nachtfalter, die über meinem Kopf emsig hin und her schwirrten, ohne dass ich sie dabei sehen konnte. Das Wasser roch süß und herb zugleich, und ich konnte nicht anders, als mich vorzubeugen und mit der Hand hineinzugreifen, wobei mir ein leiser Freudenjauchzer entfuhr, denn es fühlte sich an wie flüssige Seide.

Instinktiv fuhr ich mir mit der nassen Hand über mein erhitztes Gesicht und leckte dabei gierig ein paar kühle Tropfen von meinen Fingern. Ja, ich war durstig. Beim langen Warten oben im Zelt hatte ich völlig vergessen zu trinken, und das Abendessen war würzig und scharf gewesen. Proviant hatte ich keinen mitgenommen. War das Wasser der Cenote denn genießbar? Till hatte nur von Mineralien gesprochen, aber nicht von schädlichen Substanzen oder gar Gift … 

Wieder fuhr ich mit der Hand durch das kühle Nass, als es um mich herum plötzlich heller wurde und die Oberfläche der Cenote milchig zu leuchten begann. Verwundert schaute ich nach oben. Die Wolken hatten sich verzogen und dem zunehmenden Mond Platz gemacht, der nun seinen silbrigen Glanz über den Dschungel legte und mir das Gefühl schenkte, in einer verzauberten Märchenwelt gelandet zu sein. Nun sah ich die Fledermäuse über meinem Kopf, anstatt sie nur zu hören – und ich erkannte auch die Felsen, die Lianen und Wurzeln, wie sie glitzernd und funkelnd dem Wasser entgegenstrebten. Dort spiegelte sich der Mond so klar, als sei er in Wahrheit zweifach vorhanden. Einmal am Himmel und einmal in den Tiefen der Cenote.

Sein Licht ließ mich den letzten Rest von Vorsicht vergessen und ich beugte mich noch weiter vor, um mir mit der hohlen Hand Wasser ins Gesicht und in den Mund zu schöpfen, bis mein Durst sich gelegt hatte und das Glühen meiner Wangen einem erfrischten Gefühl gewichen war. Seufzend richtete ich mich wieder auf und wagte es, einen Fuß von der Plattform baumeln zu lassen, die Zehen nur wenige Millimeter über dem Wasser. Schon lag es wieder ruhig und still da – eine trügerische Stille?

So sehr mich die Ereignisse auch geschockt hatten – jetzt, in diesem Augenblick, konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass mir in dieser Cenote etwas Schreckliches oder gar Gefährliches widerfahren konnte. Nein, da war kein Krokodil, das irgendwo am Ufer auf mich lauerte, auch keine aggressive Schildkröte, die Hunger auf Menschenfleisch hatte. Hier waren nur ich, die Fledermäuse und Insekten und … 

Mein Atem stockte, als ich die faustgroßen Wasserblasen aufsteigen sah, nur wenige Meter vor mir. Fast lautlos zerplatzten sie an der Oberfläche. Es war wieder da … Rasch zog ich meinen Fuß auf die Plattform und wich ein paar Zentimeter zurück, schaffte es aber nicht, aufzustehen und zu fliehen. Stattdessen ergriff mich wie aus dem Nichts ein heißer, brennender Zorn, vermischt mit nackter Panik. Doch mein Zorn war stärker. 

„Verschwinde!“, zischte ich in die Dunkelheit hinein, ballte meine Hände zu Fäusten und erhob drohend die Rechte, was einen Raubfisch kaum beeindrucken würde – aber mir gab es ein Gefühl von Stärke. „Lass uns in Frieden und lass vor allem Till in Frieden, er hat dir nichts getan! Hau ab, wir wollen dich hier nicht! Ich will dich hier nicht und …“

Meine letzten Worte gingen in einem erstickten Keuchen unter, bevor meine Hand schlaff herabfiel und meine Augen sich weiteten. Ich wusste, dass das, was ich sah, nur Sekundenbruchteile dauerte, doch jede Einzelheit prägte sich mir fest ein und ich konnte sie mir anschauen wie einen Film, der in ultralangsamer Geschwindigkeit abgespielt wurde: Die gewaltige, blauschwarz-silbrig glitzernde Fontäne, die das Wesen verursachte, während es aus dem Wasser schoss, sein wildes, gelocktes Haar, seine Faust, die im Schwung brutal nach unten schlug und dabei eine weitere Fontäne aufwirbelte, sein üppiger, scharf geschnittener Mund, seine schräg stehenden, tiefgrünen Augen, seine spitzen Zähne, seine nackte Brust und sein Lachen …

O Gott, er lachte mich aus und sah dabei so furchterregend aus, dass ich am ganzen Leib zu zittern begann. Doch eines hatten wir gemeinsam. Wir waren beide wütend, und als unsere Blicke sich begegneten, schrie ich vor Zorn leise auf – und gleichzeitig wollte ich lachen und spürte eine wilde, ungestüme Freude, die ich weder verstehen noch kontrollieren konnte. 

Noch einmal hieb das Wesen seine Faust ins Wasser und dieses Mal wühlte er es damit so stark auf, dass seine Wellen die Plattform überspülten und mich beinahe aus dem Gleichgewicht rissen. Dann hechtete er kopfüber zurück in die Cenote. Das letzte, was ich von ihm sah, war ein geschuppter, kräftiger Fischleib mit einer zweigeteilten, elegant geformten Schwanzflosse, die wie zum drohenden Gruß dumpf klatschend eine weitere Welle gegen die Holzpfähle schickte und schließlich ebenfalls verschwand. 

Es dauerte nur wenige Augenblicke, bis das Wasser wieder still vor mir lag; dunkelblau und geheimnisvoll im Mondschein. 

Schwer atmend presste ich die Hände auf mein Herz.

„Das kann nicht sein …“, hörte ich mich wispern. „Das … nein … Nein!“

Was ich gesehen hatte, gab es nicht. Gut, ich wusste schon, was ich gesehen hatte. Wir Menschen hatten Bezeichnungen dafür. Aber das war wie mit Hexen und Zauberern in Kinderbüchern. Man erkannte sie sofort, an ihren krummen Rücken und Besen und langen Bärten und lila Gewändern, aber gleichzeitig wusste man ab einem gewissen Alter: alles nur erfunden. Gibt es nicht wirklich. 

Das galt auch für Meerjungfrauen. Oder … oder Meermänner? War es das gewesen, was ich zu sehen geglaubt hatte – einen jungen Meermann? 

„Scheiße“, flüsterte ich und schlang bibbernd die Arme um meine angezogenen Knie. „Was ist nur los mit mir?“ Hatte ich eben meine erste waschechte Halluzination erlebt? Gab es da vielleicht irgendeine beginnende Geisteskrankheit, von der Till und Sandra mir nie erzählt hatten und die erst in der Pubertät ausbrach? Heulte ich deshalb so viel, waren das die ersten Anzeichen gewesen und packten mich deshalb alle immer in Watte?


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