Sind Besenreißer hässlich – oder wertvoll?

Sind Besenreißer an den Beinen wirklich hässlich?

Ich wünsche mir, dass wir aufhören, Erscheinungen unseres Körpers abzuwerten oder gar zu verabscheuen, die völlig natürlich sind und außerdem ein Zeichen dafür, dass wir leben und vieles er-lebt haben.

Vor einigen Tagen habe ich meine eigenen Besenreißer am rechten Oberschenkel aus dem Herzen heraus betrachtet. Die übliche Werteskala von schön bis hässlich habe ich dabei bewusst verlassen, sodass die Frage „Sind Besenreißer hässlich?“ völlig in den Hintergrund rückte – und plötzlich fiel mir auf, dass sie aussehen wie Flüsse mit Nebenarmen, deren Wasser unterschiedlich gefärbt ist. Mal tiefblau, mal lila, mal rötlich.

Besenreißer - sind sie wirklich hässlich?

Würden wir ein solches Netz aus Flussarmen von unserem Urlaubsflieger aus betrachten, fänden wir es vermutlich wunderschön oder würden es unbedingt fotografieren wollen. Doch befindet es sich in Miniaturform auf unserer Haut, verfallen wir dem Irrglauben, es dürfte dort nicht sein.

Ich frage dich und mich noch einmal: Sind Besenreißer hässlich? Oder einfach nur da und somit im Sinne der Schöpfung berechtigt und sinnvoll?

Betrachte dich mit dem Blick deines Herzens

Wir bewegen uns in einer Zeit, in der Makellosigkeit angestrebt wird. Unsere Haut muss möglichst haarlos sein, während auf dem Kopf eine volle Pracht die Blicke auf sich ziehen soll. Wir diktieren unserem Körper mit teilweise rabiaten Maßnahmen, wo seine Haare, Falten, Schatten und Dellen erwünscht sind und wo nicht. Concealer heißen inzwischen sogar „Löscher“, was aussagt, worum es eigentlich geht: Vieles sollte schlichtweg nicht da sein und wenn es irgendwie möglich ist, wird es weggelöscht. Das ist zwar in Wirklichkeit nur ein Übermalen; nach dem Abschminken zeigt unser Spiegel die unverfälschte Wahrheit. Aber Löschen klingt radikaler, gewinnversprechender.

Manche Gesichter werden zu Masken, so dick lasten Make up und Puder auf der Haut, und die natürlichen Augenbrauen werden wegrasiert, weil sie niemals so exakt verlaufen können wie die gemalten oder tätowierten. Besenreißer und Krampfadern können natürlich ebenfalls übermalt oder dank blickdichter, hautfarbener Strumpfhosen kaschiert werden.

Doch sie sind Spuren des Lebens – und haben damit ihre Berechtigung. Sie gehören zur liebevollen Sprache unseres Körpers, der uns etwas Wichtiges mitteilen will oder nicht anders kann, als im ständigen Funktionieren und Ackern hin und wieder Zeichen der Zeit zu bilden.

Makel sind Teil der Sprache unseres Körpers

Manchmal sind diese Spuren auch ein Hilferuf. Sie wollen bewusst gesehen und nicht überschminkt werden, weil sie uns sagen: Bitte bewege mich öfter. Führe mich mehr an die frische Luft. Geh etwas sanfter mit mir um. Gönne mir Ruhe. Ich brauche mehr Wasser. Oder: Bitte entschuldige, aber nur so konnte ich dein Überleben sichern.

Meine Besenreißer entstanden nach einer schweren, lebensrettenden Operation. Ich war damals gerade erst vierundzwanzig geworden und plötzlich mit einer riesigen Narbe auf meinem Bauch konfrontiert, die anfangs nicht nur unerträglich schmerzte, sondern auch ziemlich erschreckend aussah. Für meinen Körper war diese Operation ja auch ein gigantischer Schrecken gewesen.

Kurz danach zeigten sich die ersten dunkelblauen „Flussarme“ auf meinem rechten Oberschenkel. Damals hatte ich Schwierigkeiten, das zu akzeptieren. Ich fand, das mit der Narbe sei entstellend genug und ich sei viel zu jung für so etwas. Manchmal versuchte ich sie zu überschminken, wenn ich im Sommer einen kurzen Rock trug, oder wartete, bis die natürliche Bräune sie ein wenig abdeckte.

Aber sie sind nun mal da. Sie erinnern mich daran, dass ich überlebt habe und welchen Hochleistungsakt mein Körper dabei vollbracht hat. Sie gehören zu mir und ich habe die Wahl, ob ich sie tagtäglich bewertend als hässlich ablehne oder sie in meine Liebe aufnehme, sie als meine kleinen, wundersamen Flussarme betrachte, die manchmal neu mäandern und meine Beine bunter und vielfältiger werden lassen.

Meine Altersflecken auf den Händen erinnern mich an meine geliebte Oma.

Von meiner Großmutter habe ich zudem die Neigung zu Altersflecken auf den Handrücken geerbt. Ich habe schon einige davon gesammelt, rechts und links, und wenn ich sie betrachte, danke ich meiner Oma innerlich für all die wunderschönen Momente, die ich zusammen mit ihr in ihrem riesigen Paradiesgarten samt Schwimmbad während meiner Kindheit erleben durfte.

Schönheit strahlt aus dem Licht deiner Seele nach außen

Wir können derartige Zeichen des Lebens und Überlebens würdevoll tragen. Das bedeutet nicht, das eigene Aussehen zu vernachlässigen. Ich zeichne fast immer meine Brauen leicht nach und tusche meine Wimpern, bevor ich aus dem Haus gehe, und ab und zu pudere ich einen Hauch fein gemahlene Mineralien über meine Wangen und benutze Lippgloss.

Doch ich weiß genau: Wenn ich in meinem Inneren negative, abwertende Gedanken gegen mich selbst oder meine Mitmenschen hege, kann dies kein Make up der Welt vertuschen. Und strahle ich aus mir selbst heraus, ist das die eigentliche Quelle meiner „Schönheit“ – im Sinne von Licht, Liebe, Würde, Weiblichkeit; frei von Wertung, Standards und Makellosigkeit.

Ab und zu habe ich auch richtig Lust, mich zu schmücken. Dann genieße ich dieses Ritual in vollen Zügen, verbringe mehr Zeit im Bad als an anderen Tagen. Ich glaube, das ist ebenfalls ein Aspekt gelebter, ausgedrückter Weiblichkeit. Wir wollen hin und wieder bunt sein, auffallen, Farbe und Fülle in die Welt bringen.

Doch ich versuche mich auch dann liebevoll im Spiegel anzuschauen, wenn ich mich wie Mitte 80 fühle und mein Kopf mir sagen will, dass ich gerade auch so aussehe, weil sein Spatzenhirn nicht erfassen kann, dass mein Seelenlicht von Fältchen, grauen Schatten und Pickeln vollkommen unberührt bleibt.

Welche vermeintlichen Makel kannst du heute in deiner Liebe und deinem Herzensblick erlösen?

Weißt du eigentlich schon, wie schön du bist?

Alles Liebe, Kyrala

P.S. Wenn du dich spielerisch mit deiner Weiblichkeit beschäftigen möchtest und gerne liest, könnte mein Roman „Gelebte Zeit“ etwas für dich sein. Eine kostenlose XXL-Leseprobe findest du hier: Leseprobe Gelebte Zeit


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