Sprachlos im Westerwald

Es gibt eine Frage, die ich in Zusammenhang mit meiner Arbeit geradezu fürchte – oder besser gesagt: sämtliche Variationen dieser Frage.

Zum Beispiel: Über was schreibst du denn? Oder: Von was handeln deine Bücher? Oder: Was für Bücher sind denn das, die von dir erscheinen?

Wer mir diese oder ähnliche Fragen stellt, wird anschließend vehement an der Zurechnungsfähigkeit meiner Agentin und Verlage zweifeln müssen, da die vermeintliche Autorin nicht einmal in der Lage ist, einen einzigen vernünftigen, grammatikalisch korrekten Satz zum Inhalt ihrer eigenen Ergüsse zu formulieren.
Nein, was nach einer solchen Frage kommt, ist heilloses Gestotter, das meistens in einer hilflosen Handbewegung und fortschreitender Errötung endet.
Ich bin einfach furchtbar schlecht darin, zu beschreiben, was ich schreibe.

Und heute habe ich den vorläufigen Gipfelpunkt der verbalen Hilflosigkeit erreicht. Wir haben in einem dieser vielen, vielen idyllischen Dörfer um uns herum eine Museumsscheune besucht. Ein älterer Mann hortet dort Schätze, die das Herz eines jeden Historikers (also auch meines) sofort höher schlagen lassen. Alltagsgegenstände von anno dazumal, angefangen von einer funktionsfähigen Getreidemühle, in die man niemals seinen Arm stecken sollte, bis hin zu einem halb fertig gestrickten Strumpf aus Schafswolle, der verblassenden Tinte auf zerknitterten Feldpostbriefen und hölzernen Waschmaschinen, deren Inhalt noch per Hand geschleudert werden musste.
In echte Verzückung geriet ich aber erst, als ich ein uraltes Leinenhemd aus dem 19. Jahrhundert berühren durfte. „So fühlt sich das also an“, flüsterte ich hingerissen und spürte plötzlich die fragenden Blicke des Museumswärters auf meinem Nacken  (ich hatte nur noch Augen für das Hemd und ihn schon beinahe vergessen).
„Ähm, ja, also in meinem Buch, da, äh. Das hier ist ganz toll für mich, weil – die Hauptperson, naja, eine der Hauptpersonen, der Mann, ach, eigentlich ist es eher – jedenfalls – er hat immer ein altes Hemd an. Und … Tja.“ 
Eilig löste ich meine Hände von dem verblichenen Stoff, hastete zwei Schritte weiter und gab vor, in all den den Feldpostbriefen zu lesen, um meinem eigenen Gebrabbel zu entkommen.

Oh weh. Ja, das Hemd. Und der Mann. Und überhaupt. Vielleicht wird es beizeiten verstehen, wer meinen Roman für junge Erwachsene liest. Und dann wird mein Gebrabbel einen Sinn erhalten. Frühstens Mitte Januar. Vorher aber bleibt das Gebrabbel Gebrabbel.

Und zum Glück – zum Glück! – schreibt meine Lektorin den Klappentext.

1 Gedanke zu “Sprachlos im Westerwald”

  1. Hallo meine Liebe,

    „Von was handeln deine Bücher?“ – diese Frage kenne ich. Ebenso die Ratlosigkeit, die dann folgt.

    Wobei die Menschen auf „es geht um den Erben einer Kakaoplantage im Venezuela des 19. Jahrhunderts“ tendentiell positiver reagieren (nämlich: „Aha, oho, klingt ja sehr interessant…“) als auf „das Buch handelt von einer Zwangsehe im China des 11. Jahrhunderts“ („WAS? Wie kommen Sie denn DARAUF?“)

    Und wenn ich dann erkläre, wie ich darauf komme (ich träume halt sehr intensiv), bin ich auch meist schon im detaillierten Erzählen, so dass mein Gegenüber das Buch eigentlich gar nicht mehr kaufen müsste – wenn es auf dem Markt wäre…

    Lieben Gruß
    Franca

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